Dank Gott

Ich würde mich selbst nicht als ‘gläubige Person’ bezeichnen… Ich kann mich mit keiner speziellen Religion identifizieren, obwohl es meiner Meinung nach in jeder Religion gute Ansätze gibt…Ich glaube an Karma. Und ich schätze, dieser Grundgedanke verbindet die meisten Religionen. Ich versuche ein guter Mensch zu sein und bin mir sicher, dass sich dies langfristig auszahlen wird. Ob ich bete? Nein, das habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr. Dies wird sich jedoch bald ändern..

Olja ist mein Host in Sarajevo. Ein Charakter, der zweifellos einem Quentin Tarantino Film entsprungen sein könnte. Seine Mimik macht es nahezu unmöglich zu beurteilen, ob er eine ernsthafte Antwort gibt, oder ob er hoch konzentrierten Unsinn von sich gibt. Laut eigener Aussage hat er ein 2-Sekunden Kurzzeitgedächtnis. Daher ist die wahrscheinlichste Antwort auf jegliche Fragen ein “Ich erinnere mich nicht” begleitet von einem verschmitzten Grinsen. Wie du dir es wahrscheinlich bereits denken kannst, haben ich und Olja eine tolle Zeit zusammen. “Kann ich eine Dusche nehmen?” “Nur wenn du Sie zurück bringst”.

Da Olja seine Wohnung auf so ziemlich allen Online Plattformen inseriert (Airbnb, Hostelworld, Camping Webseiten und Couchsurfing), ist sein Wohnzimmer meist voller Leute…die verschiedensten Leuten. In den Tagen mit Olja habe ich ein paar dieser Personen kennengelernt und einen davon werde ich so schnell nicht vergessen. Joe, ein Amerikaner in seinen frühen Dreißigern, reist durch Europa und hält sich mit Freiwilligen-Arbeit über Wasser. Da er dies bereits seit mehreren Jahren tut, hat er einige Geschichten zu erzählen. Okey, ich erzähle euch meine Lieblings-Geschichte. Er war damals in Frankreich ein wenig versackt. Im Zuge dessen hat er sein Visum um 15 Monate überzogen und konnte Frankreich auf legalem Wege nicht mehr verlassen. Daher hat er angefangen auf Segelbooten zu arbeiten und konnte schließlich Frankreich auf dem Seeweg verlassen. Scheinbar sind Segelboote eine gute Möglichkeit für illegale Grenzübergänge. Ich werde mir dies merken. Selbstverständlich nur für den Fall der Fälle.

Bevor ich Joe in Oljas Wohnung getroffen hatte, hat er auf einer Pferdefarm in Bosnien und Herzegowina gearbeitet. Für insgesamt 2 Monate. Solange, bis ihn die Hufen eines Pferdes am Hals erwischt haben und ihn gegen die Wand der Scheune schleuderte. Er hatte Glück – nur ein paar Blutergüsse. Er macht dem Pferd keine Vorwürfe. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Der 53 jährige Besitzer dieser Farm war früher einer der bekanntesten Drogendealer in Bosnien, ist mit einer 19 Jährigen Frau liiert und hilft dabei, Hundekämpfe zu organisieren. Wie in einem Tarantino Film. Scheinbar sind Hundekämpfe in Bosnien keine Seltenheit. Ich schätze dies gilt jedoch für fast alle Länder. Wir verschießen nur gerne unsere Augen. Joe hat definitiv mehr als genug Geschichten parat, um mich während unseres Aufstiegs auf den Olympischen Hügel zu unterhalten. Sarajevo hat im Winter 1984 die Olympischen Winterspiele ausgetragen. Heutzutage kann man auf den Hügeln verteilt die alten Sportstätten besichtigen. Mehr oder weniger zerstört vom Krieg. Das Highlight ist eine verlassene Bobbahn. Bedeckt mit verschiedensten Graffitis, bietet die Bahn die optimale Möglichkeit für künstlerische Handyfotos. Ich schätze, dass auf einer verlassenen Bobbahn zu wandern eine dieser einmaligen Erlebnisse ist. Es ist definitiv besser, als sich mit Touristen an den Hots Spots um das beste Selfie zu schlagen.

Sarajevo Bobbahn

Es ist Mittwoch Morgen. Mein Plan ist es zu duschen, meinen Rucksack zu packen, nach einem guten Spot zu suchen und 200 Kilometer nach Süden zu trampen. Erst nach Mostar und dann weiter nach Ljubuski. Ich will Sile treffen, der junge Musiker, der mir 1 Woche zuvor einen Lift an den Wasserfällen gegeben hat und mich zu seiner Wohnung einlud. Wir sind in Kontakt geblieben und habe mich dazu entschieden, mit ihm meine letzten Tage in Bosnien zu verbringen. Aber wie ich bereits sagte. Pläne bleiben meist Pläne. Ich werde Sile treffen, jedoch auf einem kleinen Umweg.

“Ich habe keine Ahnung was es ist, aber scheinbar hast du in deinem Leben irgendetwas richtig gemacht” – So begrüßt mit Olja, als ich morgens die Stufen zu seinem Wohnzimmer hinabsteige. Ich bin verwirrt. Ich brauche Kaffee. Etwas später beginne ich zu verstehen. Um Mitternacht hat Oha meinem Host Olja einen spontanen Besuch abgestattet (Ich entschuldige mich für die verwirrenden Namen). Die Beiden sind alte Freunde und da Oha auf Grund eines Konzerts in Sarajevo war, entschied er sich dazu, Olja zu besuchen. Oha wird mir einen direkten Lift nach Mostar geben.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mir Sorgen machen sollte, da Oha bereits sein drittes Bier und seinen zweiten Schnaps seit dem Aufstehen trinkt. Ich entscheide mich dafür, mir keine Sorgen zu machen und trinke stattdessen auch ein Bier. Um 11 Uhr morgens. Zum Frühstück esse ich frische Pfirsiche und biete natürlich auch Oha einen an. “Ich hab meinen Tag ungesund gestartet und will daran nichts ändern”. Außerdem versucht er mir meine Sorgen zu nehmen. “Ich bin ein besserer Autofahrer wenn ich trinke. Nüchtern rase ich wie ein Irrer. Wenn ich trinke hingegen, fahre ich schön langsam”. Klingt plausibel. Ein lustiger Kerl. Oha ist ein Musiker in der bekanntesten Band im Balkan. Dubioza Kolektiv. Seine Band hatte sogar ein Konzert in Saarbrücken, einer Stadt in der nähe meiner Heimat, gespielt. Was eine kleine Welt. Außerdem kennt er Sile, meinen Host in Ljubuski, von einer Musikschule. In der Tat eine kleine Welt. Auf unserem Weg nach Mostar sammeln wir einen weiteren Tramper auf, Marek aus Tschechien, und landen alle zusammen auf Ohas Terrasse. Wir trinken selbstgebrauten Schnaps in rauen Mengen, hören uns verschiedenste Musik an und schlafen im frühen Morgen auf Ohas Couch ein. 10 Tage früher konnte ich keinen Cocuhsurfing-Host in Mostar finden, nun verbringe ich tatsächlich eine Nacht auf einer Couch in Mostar. Und wieder diese Ironie…

Mostar

An diesem Abend erzählt mir Oha von seiner Kindheit in Herzegowina. Er ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und wurde Kindersoldat als der Krieg begann. Waisenkinder sind gute Soldaten, da sie keiner vermisst erklärt Oha. Mit 14 Jahren tötete er 6 Menschen. Etwas, das man sich nicht vorstellen kann und will. Und trotzdem hat er einen Ausweg aus dieser Hölle gefunden. Er wurde Musiker und mittlerweile ist er der Chef einer großen Rock-Schule in Mostar. Dort hilf er Kindern und Teenagern dabei, seinem Vorbild zu folgen. Dies sind die Geschichten, die mich an Wunder glauben lassen. Ich schätze, dies sind auch die Geschichten, die Andere an Gott glauben lassen. Wie auch immer, ich muss an das “Alles ist Möglich” Pärchen aus Kroatien denken.

Es ist 1 Uhr Mittags, als ich in Ljubuski ankomme. Ich schätze zum jetzigen Zeitpunkt muss ich nicht erneut erwähnen, wie einfach Trampen in Bosnien und Herzegowina ist. Ich bekomme einen Lift bis vor Siles Haustür. “Willst du mich verarschen, wie zur Hölle hast du mein Haus gefunden? Ich habe dir noch nicht mal die Adresse gegeben?” In der Tat, lustige Geschichte. Mein Lift hat aus irgendeinem Grund gewusst, wo Sile wohnt. Wie gesagt, kleine Welt.

Sile lebt zusammen mit seinen Eltern und seinen 2 Geschwistern. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie er seiner Mutter erklären konnte, dass ein tätowierter Hitch Hiker, den er ein paar Tage zuvor eingesammelt hatte, in ihrem Haus übernachten wird. Aber irgendwie hat er es wohl geschafft. Ich bin sein erster ‘Couchsurfer‘. Ich fühle mich geehrt. Ich lerne einige von Siles Freunden kennen und wir haben eine tolle Zeit zusammen. Sie zeigen mir wunderschöne Orte, wir haben haufenweise Essen zusammen und genießen das Leben in vollen Zügen. “Hey Toni, wie viele Bier darf man in Bosnien trinken bevor man seinen Führerschein abgeben muss?” “Hmm.. ungefähr 20 Bier, solange zu 10 Euro dabei hast“. Wir lachen viel, sehr viel. 10 Euro….irgendwie erinnert mich das an etwas…

Bosnia und Herzegowina

Bosnia und Herzegowina

Bosnia und Herzegowina

Siles Mutter ist eine der großherzigsten Personen, die ich je getroffen habe. Obwohl wir kaum miteinander kommunizieren konnte, stellte sie sicher, dass ich keinen Gramm an Gewicht verliere, macht meine Wäsche und bügelt sogar meine T-Shirts, während ich mit Sile unterwegs bin. Ich habe ihr nicht erzählt, dass dies vergebene Mühe war, da ich die T-Shirts wieder in meinen Rucksack quetschen muss. Stattdessen bedanke ich mich so herzlich wie möglich. “Vielen vielen Dank”. “Dank nicht mir, Dank Gott.” Das ist ihre Antwort. Sie ist eine sehr gläubige Person. Sie kämpft gegen Krebs seit nunmehr einem Jahr….

Wie ich bereits am Anfang erwähnt habe, habe ich seit einer langen Zeit nicht mehr gebetet. An diesem Abend werde ich beten. Ich werde für Siles Mutter beten und hoffe, dass es da draußen tatsächlich irgendwo einen Gott gibt

Sonntags fährt mich Sile zur kroatischen Grenze. Es ist unser “Goodbye“. Es ist außerdem auch das Ende meines Bosnien und Herzegowina Abenteuers und ich hätte mir kein besseres Ende ausmalen können. Nicht weil Sile und seine Freunde und Familie die bestmöglichen Gastgeber waren oder weil sie mich zu wunderschönen Wasserfällen und Berggipfeln brachten. Nein, sondern weil sich die 2 Tage mit ihnen angefühlt haben, als wäre man von alten, guten Freunden umgeben. Ein Gefühl, das man sehr selten hat, wenn man alleine reist.

Ich könnte nicht dankbarer sein. Meine Zeit in Bosnien und Herzegowina war wundervoll. Ich habe gelernt, wie Menschen trotz einer grausamen Vergangenheit und einer korrupten Regierung das beste aus ihrem Leben machen, wie verschiedene Religionen zusammen leben und ich habe viel Großzügigkeit erfahren.

Ein paar Stunden nachdem ich mich von Sile verabschiedet habe, stehe ich an einer Straße in Kroatien. Ein alter Mann geht an mir vorbei und schenkt mir 2 Mandarinen. 3 Stunden werde ich diese mit dem Mann, der mir einen Lift nach Dubrovnik geben wird, teilen. Ein Geben und Nehmen. Dieser Lift wird außerdem einer dieser, denen ich einen Namen geben werde. Der “Oberschenkel Grapscher”, aber davon werde ich in meinem nächsten Beitrag erzählen.