Und wenn ich geh

Bunte Lichter, die den Boden in ein wildes Farbenfest verwandeln. Eine Mischung aus Nebelfluid und Zigarettenrauch, die ungeübte ‘Atmer’ an ihre Grenzen treibt und die Gesichter der Gäste teils nur Schemenhaft erahnen lässt. In den frühen Morgenstunden leitet die Playlist eine kleine Abschiedsparty-Tradition ein. Ich und meine Freunde, die an diesem Samstag Abend ihren Weg in unseren Keller gefunden haben, singen gemeinsam Peter Maffay, während wir uns gegenseitig in den Armen liegen.
Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir.

Goodbye Party

Ein Moment, der mir jedes Mal Gänsehaut beschert. Ein Moment, der mich dieses Mal fast zu Tränen rührt. Ein Moment, der für mich den bisher schwierigsten Abschied von zu Hause einläutet. Nicht nur wegen der überraschend langen Zeit, die ich dieses Mal in meinem Elternhaus verbracht habe, sondern vor allem wegen dem Mädchen, neben der ich am Morgen meines Abfluges aufgewacht bin.

Sotzweiler Aussicht

Die Wartezeit hat ein Ende!

Meine Reise ins Ungewisse geht in die nächste Etappe. Südafrika, Kapstadt. Meine geplante Route lässt sich eher als Richtung beschreiben. Ägypten. Wie gewohnt per Anhalter. Ungewohnt ist jedoch die Konstellation meiner ersten Wochen. Ola, eine schlank gebaute, große, braunhaarige Halb Griechin, Halb Russin. Unsere Wege hatten sich damals in Istanbul gekreuzt und als sie von meinem Plan gelesen hatte, ist sie mit mir in Kontakt getreten. Wir werden die ersten 2-3 Wochen gemeinsam durch Süd Afrika trampen, bevor es mich anschließend alleine weiter nach Namibia verschlagen wird.

Es läuft also alles bestens, oder? Ich werde seit Ewigkeiten endlich wieder schwitzen dürfen, habe am Morgen meines Abflugtages eine kurzfristige Zusage von einem Couchsurfing Host erhalten und konnte sogar meinen Geburtstag vor ein paar Tagen im Kreise meiner Familie und engsten Freunden feiern – Ja, ich weis, man sieht mir die 28 Jahre kaum an – und trotzdem.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einer klimatisierten Boeing Maschine neben einer kaum verständlichen Amerikanerin und versuche durch rhythmische Fußbewegungen Thrombose vorzubeugen. Vorfreude und Bedauern wechseln sich gleichermaßen ab. Ich bin jemand, der gerne Ratschläge gibt. In den letzten Wochen musste ich mir eingestehen, dass ich diese selbst jedoch auch gerne breche. Eine Begegnung, die mich zum ersten Mal ernsthaft an meiner derzeitigen Reise zweifeln gelassen hat.

Sotzweiler Natur

Luisa. Lange, schwarze Haare bedecken bedecken ihr zierliches Gesicht. Holz-Plugs in ihren Ohren erinnern mich an eine fast vergessene Idee. Das morgendliche Aufwachen neben ihrem wechselnd warmen und wärmebedürftigen Körper erinnern mich daran, was ich für mein derzeitiges Leben opfern musste beziehungsweise geopfert habe. Ich habe in den letzten 3 Wochen eine fast normale Beziehung geführt. Eine Beziehung,die mit einer großen Prämisse einherging. Eine Prämisse, die uns beide des öfteren über das Timing unserer Begegnung fluchen gelassen hat.

Ich habe mir oft versucht einzureden, dass Abschiede mit der Zeit leichter fallen. Sie tun es nicht.

Bevor ich euch nun mit meinen momentanen Plänen langweile, will ich noch kurz mein deutsches Karneval mit euch teilen. Eine Zeit, die ich zukünftig schmerzhaft missen werde.

Jack Sparrow Verkleidung

Bereits vor unserer Begegnung habe ich mit dem Gedanken gespielt, zur Hochzeit eines meiner besten Freunde Anfang Juni zurück nach Hause zu fliegen. Die Entwicklung mit Luisa haben diese Entscheidung besiegelt. Ich werde Ende Mai zurück fliegen und meine weitere Reise planen. Eine Reise, die sich so langsam aber sich immer ernster anfühlt.
Bis dahin wird sich aber nichts ändern. Ich freue mich nach wie vor unglaublich darauf, Afrika zu erkunden und bin gespannt, von wo in 3 Monaten mein Rückflug abheben wird. Gleichzeitig kann ich es jedoch bereits jetzt kaum erwarten, wieder in Frankfurt zu landen, um Herauszufinden, zu was vermeintlich dumme Ideen tatsächlich führen können.

Glücksgefühle hast du nur für Sekunden, aber behältst die Erinnerung am Glück. Als ich wenige Stunden vor meinem Abflug mein Abschiedsgeschenk öffne und mit feuchten Augen den handgeschriebenen Brief lese, bin ich dankbar. Meine Reise stellt uns zwar zum derzeitigen Zeitpunkt vor einige Hindernisse, hat aber im Endeffekt erst zu unserer Begegnung geführt. Ich ziehe an meiner Zigarette, lege den Brief auf unserem Wintergartentisch ab und schmunzle. Für ein paar Sekunden vergesse ich all die Eventualien und stelle mir vor, was wohl die Zukunft für mich, oder auch für uns bereithalten könnte. Denn was ist schon unmöglich. Als jemand, der demnächst an einem persönlichen Meilenstein ankommen wird, indem er den Erdumfang (40075km) per Anhalter bereist hat, würde ich die Chancen als überdurchschnittlich gut bezeichnen.
Eine Chance, mit der ich zu leben gelernt habe.

Der Nebel drückt sich allmählich durch die Kellertür in Richtung Freiheit und eröffnet eine Aussicht, auf immer eindeutiger werdende Gesichter. Mein Traditions-Song neigt sich dem Ende. Rührende Worte, Glückwünsche, Umarmungen und einen Kuss.

Ich hätte mir meinen Abschied nicht schöner vorstellen können.

Ich hätte mir meinen Abschied nicht schwerer vorstellen können.

Peter Maffay klingt leise aus und ich bin mir sicher, dass ich diese abschließende Zeile nicht zum letzten Mal gehört habe.
Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir und der andere träumt mit dir.