Milchtüte

Die kleinen Dinge im Leben. Eine nette Geste, bewegende Worte oder ein Lächeln. Oft sind es Kleinigkeiten, die für einen selbst größere Bedeutung haben. Eine Bekanntschaft, eine zufällige Begegnung, ein ungewohnter Anblick. Manchmal sogar lediglich eine Milchtüte in Berlin.

Meine Reise von Rostock nach Berlin beginnt wie so oft mit einer Verabschiedung. Martina fährt mich zu einer Tankstelle und unsere Wege trennen sich mit einer Umarmung. Ihr Nummernschild “GG LOL 1337” lässt mich immer noch schmunzeln. Ich schätze, dies macht uns beide irgendwie zu Nerds. “Macht es dir etwas aus, wenn ich schnell fahre”, fragt Johannes, ein 45 jähriger Architekt, der nach wenigen Minuten mit seinem nagelneuen Jaguar an der Autobahnauffahrt anhält. Ich erzähle ihm von Lifts in Osteuropa, die während der Fahrt Bier getrunken und Gras geraucht haben und versichere ihm, in keinster Weise beunruhigt zu sein. Er reagiert mit einem gleichermaßen skeptischen und schockierten Blick. Ich meine jedoch in seinen Krähenfüßen eine leichte Bewegung erhaschen zu können, die ich als dezentes Lächeln interpretiere. Johannes fährt tatsächlich schnell. Mit 250 km/h Spitzen, erreichen wir Berlin in Rekordzeit.

Bei sonnigem Wetter treffe ich mich mit Daniel. Wir wollen unseren gemeinsamen Nordkap Trip in Berlin mit einem ‘Bier zum Abschied’ besiegeln. Wir blicken auf 6 verrückte Wochen zurück, rekapitulieren gemeinsam die lustigsten Geschichten und sind einerseits glücklich, dass wir nicht mehr bei Minusgraden an der Straße stehen müssen, aber andererseits auch traurig darüber, dass unsere gemeinsame Reise an diesem Abend zu Ende gehen wird. Sie wird an einem Bahnhof enden, leicht angetrunken mit einer weiteren Umarmung. Einer engen Umarmung, die bei einer anderen Geschlechterkonstellation mit Sicherheit zu mehr geführt hätte. Ich bin froh, mich damals in Kopenhagen gemeinsam mit dem jungen Engländer an die Straße gestellt zu haben. Ich bin froh, dass ich die letzten 6 Wochen mit einem Freund teilen konnte.

Reichstag Berlin Park

Berliner Dom und Fernsehturm

Mein Aufenthalt in Berlin führt mich nach Berlin-Mitte. Einer meiner besten Schulfreunde, David, ist vor 2 Wochen umgezogen und sein neues Apartment eröffnet mir einen Blick über unsere Hauptstadt, wie er besser nicht sein könnte. David arbeitet für eine Abgeordnete im Bundestag und wird mir an meinem 4ten Tag in Berlin eine private Führung geben. Bis dahin wird sich mein Morgenritual stets identisch gestalten. Einen Kapselkaffee in Verbindung mit in Papier gerolltem Tabak und einem durch den Nebelschleier mysteriös angehauchtem Ausblick über Berlin.

Berlin Mitte Ausblick Fernsehturm

Um meinen Pflichten als Tourist gerecht zu werden, verbringe ich meinen 3ten Tag damit, zu Fuß durch die Stadt zu navigieren. Ein Weg der mich vorbei an unzähligen, imposant wirkenden Kirchen, modern gestalteten Mc Donalds Filialen, alle erdenklichen Arten von Döner-Buden, einer Touristenfalle, die sich unter dem Namen ‘Ritter Sport Bunte Schockowelt’ tarnt, veganen Restaurants, die auf Grund ihrer bemalten und besprühten Häuserfassaden wirken, als wären sie einem Tim Burton Film entsprungen, und einer Mauer. Eine Mauer, die bis vor 28 Jahren Ost und West Deutschland trennte. Eine Mauer, die am heutigen Tage mich von den Touristen, die versuchen auf der künstlerisch gestalteten Seite modische Bilder zu fotografieren, trennen wird. Eine Mauer, die durch ihre geringe Höhe im Vergleich zu der in Palästina fast erbärmlich wirkt. Aber wen interessieren schon Mauern im mittleren Osten. 

Berliner Mauer

Mein Fußmarsch durch Berlin lässt mich endgültig akzeptieren, dass ich kein Stadtmensch bin. Manche Ecken haben mich durchaus zu Begeistern vermocht, aber rückwirkend hinterlässt Berlin, trotz der unzähligen Lobeshymnen, einen recht ernüchternden Eindruck. Eine Wirkung, die ich nicht der Stadt selbst, sondern vielmehr meinen individuellen Interessen ankreide. David’s Privatführung, der letzte Halt auf meiner Touristentour, weiß dann doch zu begeistern. Eine fast majestätisch anmutende Mischung aus moderner und alter Architektur, entfachen ihren eigenen Charme. Dieser, in Verbindung mit dem unterschwelligem Wissen darüber, dass an diesem Ort bedeutsame Entscheidungen getroffen wurden und weiterhin werden, hätte den Bundestag fast zu meinem unverhofften Highlight in Berlin gemacht…Wenn da nicht diese Milchtüte gewesen wäre…

Bundestag Berlin Hauptsaal

Bundestag Berlin Kuppel

Bundestag Berlin Nebengebäude

Mein letzter Abend in Berlin. Meine letzte Zigarette auf Davids Balkon. Es ist ein Sonntagmorgen, als die robuste Wohnungstür in Berlin-Mitte ein letztes Mal hinter mir zufällt, kurz bevor mich ein Aufzug 25 Stockwerke in Richtung Erdoberfläche befördern wird. Eine weitere Verabschiedung, eindeutig zu viele, die dieses Mal jedoch durch die Gewissheit, uns bald wieder zu sehen, wesentlich erleichtert wird. Ich verlasse Berlin mit einem zufriedenen Gefühl und mit der Gewissheit, zukünftig nie wieder “Ich war noch nie in Berlin” in Konversationen, mit meist asiatischen Reisebekanntschaften, nutzen zu müssen.

Berlin Skyline bei Nacht

3 Lifts später erreiche ich Leipzig. Lift #1, ein junges Pärchen, das sich in einem Flüchtlings-Cafe sozial engagiert und mich auf unserer gemeinsamen Fahrt mit Berliner Untergrund Gangster Rap malträtiert, bringt mir nach 40 minütiger Wartezeit zu einer großen Autobahntankstelle. Lift #2, Barbara aus Polen ist tatsächlich auf dem Weg nach Saarbrücken, meiner 600 km entfernten Heimat. ‘Ist es Zeit für eine weitere Überraschung?’ – ‘Nein, diesmal nicht‘. 3 Wochen später hätte ich diesen Lift ohne zu überlegen akzeptiert, diesmal lasse ich mich jedoch an einer weiteren Raststätte absetzen und wünsche “Gute Fahrt”. Lift #3, George aus Kenia fährt zwar nur an Leipzig vorbei, bietet mir aber an ,einen 50 minütigen Umweg zu nehmen und mich in die Innenstadt von Leipzig zu bringen. Eine Großzügig, die meist mit afrikanischen Lifts einhergeht. Großzügigkeit und ‘interessanteMusik. Diesmal nigerianische Party/Raggae Klänge. George setzt mich in Leipzig bei Martin ab. Ein alter Freund, den ich vor 2 1/2 Jahren in Thailand kennengelernt hatte. Ein Gefühlt, das sich schon fast als nostalgisch bezeichnen lässt.

Die kleinen Dinge im Leben. Ein kleines Kind erinnert mich an meine eigene Kindheit. Es ist Sankt Martin und ich erinnere mich daran, damals im Kindergarten die ausgefallensten Laternen gebastelt zu haben. Schnecken, Gespenster oder Mondförmige Gebilde aus Pappe. Dieses Kind, dem ich in einem der sozialen Brennpunkte Berlins begegne, hat diesen Luxus nicht genossen. Eine kleine, kreisförmige, mit Lampenfolie bedeckte Öffnung, aus der ein schwaches Licht nach außen schimmert, schlicht bemalte Seitenwände und eine Form, die mein alter Mathe-Lehrer als Quader bezeichnen würde. Eine alte, umfunktionierte Milchtüte. Das schwache Leuchten der Laterne lässt die Augen des Kindes umso strahlender erscheinen. Völlig unbeeindruckt von den Kunstwerken, die andere Kinder an diesem Tage durch die Straßen schleppen. Ohne Spur von Neid schwingt seine Laterne vor mir umher, während wir in der selben S-Bahn stehen. Glücklich mit dem was es hat. Eine Tugend, die heutzutage oft in Vergessenheit gerät.

Glücklich mit einer alten Milchtüte. Eine Milchtüte, die an diesem Abend mindestens eine weitere Person glücklich gemacht hat.