Der erste Eindruck

Ich schlendere auf die bosnische Grenze zu. Das erste Mal, dass ich eine Grenze zu Fuß überquere. “Haben Sie irgendetwas zu deklarieren?” Ich lache und antworte mit ‘Nein‘. Ich trampe um die Welt, aber ich bin kein Schmuggler. In diesem Moment ahne ich noch nicht, dass ich genau dies 10 Tage später machen werde. Ich bin in Bosnien! Auf der Suche nach einem guten Spot zum Trampen wandere ich an der Straßenmarkierung entlang. Eine enge Straße, die sich entlang eines blauen Flusses schlängelt. Wundervoll. Mein erster Eindruck von Bosnien. Plötzlich hält ein Fahrzeug neben mir an. Ich bin recht überrascht, da ich noch nicht einmal meinen Daumen gehoben habe. Es stellt sich heraus, dass die Dame auch nicht wegen mir angehalten hatte. Sie will nur 2 Tüten voller Müll loswerden und schmeißt diese in die Büsche am Straßenrand. Ein schlechter erster Eindruck. Ich gehe einfach vorbei ohne etwas zu sagen. Eine Minute später überholt mich das Fahrzeug wieder und hält erneut an. Hmm..komisch, was hat sie vor? Vielleicht hat sie ihre Meinung geändert und nimmt mich doch mit? Nein, aber stattdessen gibt sie mir Münzen im Wert von 4 Euro und sagt ‘Mittagessen‘. Erste Eindrücke können sich sehr schnell ändern.

2 Stunden später komme ich in Mostar an. Da ich keinen Host auf Couchsurfing finden konnte, entscheide ich mich dazu, in einem Hostel zu übernachten. Das erste Mal auf diesem Trip, dass ich für eine Übernachtung zahle. 8 Euro pro Nacht. Zumindest ist Bosnien billig. Ich hatte vergessen wie es sich anfühlt, in der Lobby eines Hostels zu sitzen, mit anderen Reisenden zu reden und sich einen Raum mit 7 fremden Personen zu teilen. Achja, Asien… In den nächsten 2 Tagen werde ich 3 weitere Reisende kennen lernen.

Ashish (Ja, ich war nicht der erste der einen Haschisch Witz gemacht hat), ein Junge aus Indien, der mich an meinem ersten Abend durch die Stadt führt, mir ein paar Reisetipps gibt und mit mir über Couchsurfing philosophiert. Er bietet mir auch eine Couch in den USA an. Ich werde gerne darauf zurück kommen. Am zweiten Tag besichtige ich eine bekannte Quelle, und hike zu einer alten Festung auf der Spitze eines Berges (Dank Ashishs Tipps). Mich begleitet Edwin (Ich liebe es, wenn sich Asiaten englische Namen geben), ein junger Mann aus Singapur, den ich auf dem Weg zu Quelle kennengelernt habe. Meinen letzten Abend verbringe ich schließlich mit Natalia, einem Mädchen aus Polen. Wir sitzen zusammen am Fluss direkt unter der berühmten Brücke, trinken Bier und reden über das Hitch Hiken. Ich hoffe ich konnte ihre Meinung diesbezüglich ändern und ich hoffe sie wir den nächsten, denen sie begegnen wird, einen Lift geben. Als ich am nächsten Morgen das Hostel verlasse, hinterlasse ich ihr eines meiner Tramp Schilder. Ich nutze diese gerne als Geschenk. Zum einen sind sie irgendwie persönlich und zum anderen kann man darauf gut Nachrichten hinterlassen. Darüberhinaus wird mir Mostar als die Tabak Stadt in Erinnerung bleiben. Auf einem Straßenmarkt konnte ich ein halbes Kilo Drehtabak für weniger als 10 Euro ergattern. Ernsthaft, wenn Rauchen eine olympische Disziplin wäre, würde Bosnien mit Leichtigkeit die Goldmedaille gewinne. Hier findet man kaum jemanden, der nicht raucht. Und ich schätze ich werde das ‘Aufhören‘ auch erstmal vertagen müssen. 

Mostar

Mostar

Viele Reisende und auch viele Locals haben mir von Wasserfällen im Süden erzählt. Es ist zwar ein Umweg, aber laut deren Aussagen, darf man diese in Bosnien nicht verpassen. Als ich online nach dem Weg suche, lande ich auf einem erfolgreichen Reiseblog. “Es ist so gut wie unmöglich zu den Wasserfällen zu trampen. Manchmal muss man die bittere Pille schlucken und eine Tour buchen” Was ein Schwachsinn. Naja, wie gesagt, ich mag sowieso keine Blogs. Ich werde das Ganze definitiv versuchen. 2 Stunden später stehe ich an einer Straße in Mostar. Scheint ein guter Spot zu sein. Woher ich das weis? Nunja, mit mir versuchen noch 7 andere Personen ihr Glück. Ein einheimisches Pärchen, dass kein Geld für den Bus hat, ein Pärchen aus Polen, das auch durch Europa trampt, 4 Schulkinder (mir wurde gesagt, dass die Jungs ihr Bus Geld lieber für Sportwetten nutzen und deshalb heim trampen) und Ich. Ein lustiger Anblick. Irgendwie funktioniert das ganze trotzdem und jeder von uns findet einen Lift. Bei mir dauert es 2 Stunden und ein Taxi Fahrer fährt mich umsonst 40km nach Süden. Mein nächster Lift organisiert Tourismus Touren und bringt mich zum Eingang der Wasserfälle. Außerdem kennt er die beiden Männer am Eingang und ermöglicht es mir, den Park ohne Eintrittsgebühren zu betreten. Bereits mein 2tes Mal, dass ich mich um den Eintritt drücke. Ich habe einen Lauf!

Kravica Wasserfälle

An den Wasserfällen tummeln sich haufenweise Touristen, die damit beschäftigt sind, sich selbst zu fotografieren. Ich sehe niemanden mit Rucksack. Scheinbar trampt hier wirklich niemand hin. Plötzlich steht jedoch genau einer dieser Personen neben mir. Selbstverständlich spreche ich ihn an. Jonathan aus Frankreich. Jonathan trampt von Paris nach Bangkok. Das nenne ich mal einen tollen ersten Eindruck. Und er täuscht auch nicht. Wir fragen einen der Locals nach einem Lift in seinem kleinen Fischerboot, um die Insel neben den Wasserfällen zu erreichen, wir stellen unsere Zelte auf, und wir verbringen den Abend damit, bei Bier, Toast und Erdnüssen dem Klang der Wasserfälle zu lauschen. Definitiv der schönste Ort, an dem ich jemals ein Zelt aufgeschlagen habe. Am nächsten morgen werde ich mit einem Lächeln aufwachen und das, obwohl mein Wecker um 7 Uhr morgens klingeln wird. Zeit zum Schwimmen bevor die Touristen ankommen.

Kravica Wasserfälle Camping

Das Trampen zurück nach Mostar ist kinderleicht. Ein 18 jähriger, der kurz davor ist nach Deutschland auszuwandern um dort Profi Fußballer zu werden, ein Musiker der mir eine Couch anbietet (Ich werde morgen zu ihm trampen) und ein Deutscher, der in Bosnien lebt und mir aus der Bibel zitiert. Hallelujah! 2 Kaffees später wandere ich Richtung Stadtrand in Mostar. Eines der Autos fährt sehr langsam an mir vorbei und ein alter Mann auf dem Beifahrersitz streckt mir eine Hand entgegen. Wir schütteln einander Hände, lächeln uns an und wir lassen los. Das wars, nur ein kurzer Moment der trotzdem irgendwie magisch war. Ein erster Eindruck, den ich so schnell nicht vergessen werde. Leider werden wir uns nie wieder treffen. Wahrscheinlich.

Ein wenig später hält ein 34 jähriger Mann names Kemo an. “Ich bin kein Terrorist, keine Angst” – so stellt er sich vor. Lustig, normal bin ich es der dies sagt. Er hat für mich angehalten, da er meine Tattoos mag. Lustig, normal ist dies ein Grund für Leute, mich nicht mitzunehmen. Ein komischer erster Eindruck. Dieser Eindruckt macht jedoch wenig später Platz für einen der großherzigsten Menschen, die ich bisher getroffen habe. Kemo hat eine harte Vergangenheit. Sein damals 9 jähriger Bruder wurde in ihrem Elternhaus vor seinen Augen von einem Scharfschützen durchs Fenster erschossen. Die meisten Menschen in Bosnien müssen ähnliche Geschichten erlebt haben. Krieg ist grausam. Kemo fährt mich bis nach Sarajevo, sogar bis an das Haus meines Hosts und wir verabreden uns zum Kaffee für den Folgetag. Als wir uns einen Tag später verabschieden, gibt mir Kemo einen kleinen Anhänger als Erinnerung, er hofft mich irgendwann in meiner Bar besuchen zu können. Ich hoffe es auch, ich weis jedoch gleichzeitig, dass dies wohl niemals passieren wird. Sein Gehalt reicht kaum dazu aus, seine Familie zu ernähren.

Sarajevo Sonnenuntergang

Ich werde in meinem nächsten Blog Eintrag mehr über Sarajevo erzählen und mein Bosnien Fazit ziehen. Eines ist jedoch bereits sicher. Bosnien ist unglaublich. Ich hatte keinerlei Erwartungen und bin schlicht überwältigt. Ich schätze mit Erwartungen verhält es sich ähnlich wie mit ersten Eindrücken. Manchmal werden Erwartungen erfüllt, am besten erwartet man jedoch einfach nichts.

Das gleiche gilt für erste Eindrücke. Beurteile Personen nie nach dem ersten Eindruck. Lass den ersten Eindruck einen ersten Eindruck bleiben.