Auf Wiedersehen

Ich spüre das heiße Wasser über mein Gesicht fließen. Wie es langsam an meinem Bart in Richtung Füße abperlt. Ich genieße dieses Gefühl so gut wie möglich, da meine nächste Duschmöglichkeit im Ungewissen liegt. Das dumpfe Gefühl, etwas wichtiges beim Packen des Rucksacks vergessen zu haben. Ich schätze, dies wird sich nie ändern. Kaffee so heiß, dass ich mir fast meine Kehle verbrenne. Ich werde den Kaffee in Italien vermissen. Ich spüre die Riemen meines Rucksacks, wie sie sich in meine Schultern einschneiden, ich spüre die Last meines Lebens. Um genau zu sein, Ich spüre 17 Kilo. Fühlt euch frei 2 1/2 Kilo für meinen Wasservorrat abzuziehen.

Eine Umarmung, gefolgt von einem Kuss. Ein Zeichen dafür, dass mir dieser Abschied schwerer als die meisten Anderen fallen wird. “Ich hoffe wir treffen uns wieder”irgendwie, irgendwo, irgendwann. 

Nein, das soll keine Anspielung auf diesen schmalzigen Nena Song sein. Lasst mich 5 Tage in die Vergangenheit springen. Zu dem Tag, an dem ich in Florenz angekommen bin und von Alice abgeholt wurde. Um halb 3 Nachts, nachdem mich die verrückte, zugleich unglaublich groszügige, italienische Dame nach Bologna gebracht hat. Na, erinnerst du dich noch?

Alice ist ein Mädchen aus Taiwan, das normalerweise in Abu Dhabi studiert, momentan jedoch ein Auslandssemester in Florenz absolviert. Sie nennt mich mutig..die Art, auf die ich Reise. Mutig…ich muss schmunzeln. Als ich 19 Jahre alt war, lebte ich in meinem Elternhaus, versuchte irgendwie herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen sollte und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen in einem fremden Land zu leben, beziehungsweise zu studieren. Ich sollte Sie mutig nennen. Leider ist das Wetter in Florenz nicht auf unserer Seite. Fast ausschließlich Regen. Das hält Alice jedoch nicht davon ab, mir die Stadt zu zeigen. Und es macht es auch nicht im Entferntesten weniger Erfreulich. Wir verbringen unsere ersten Tage meist damit, durch die Stadt zu schlendern, Schwachsinn zu reden (na, erkennst du bereits ein Muster?), und damit, uns über Leute die Selfie-Sticks benutzen lustig zu machen. Wir wundern uns, in wie vielen Fotos wir bereits zu sehen sind, ohne es zu wissen. Auf ein ganzes Leben betrachtet müssen dies hunderte oder gar tausende sein. Ein interessanter Gedanke, dass irgendwo in einem fremden Land Bilder hängen, auf denen man selbst zu sehen ist, ohne es jedoch zu wissen, oder nicht?. Wir sind beide eigenartige. menschliche Wesen. Schätze diese Gemeinsamkeit macht uns zu einem guten Team. Als wir gerade dabei sind, die berühmteste Brücke in Florenz zu überqueren, eine Brücke, die beidseitig mit teuren Juweliergeschäften gepflastert ist, wird in mir ein eigenartiges Gefühl ausgelöst.

O Gott, das hier ist nicht das erste mal, dass ich über diese Brücke laufe”. Ich erinnere mich langsam aber stetig. Ungefähr vor 11 Jahren war ich mit meiner damaligen Schulklasse in Mittel-Italien unterwegs. Da wir unsere täglichen Sightseeing Ausflüge damit verbrachten zu planen, wie wir abends aus dem Hotel schleichen können, um Alkohol zu trinken, muss mir Florenz wohl entfallen sein. Ich schätze ich muss der schlechteste Tourist der Welt sein. Abgesehen davon hat Alice so ziemlich all meine Bedürfnisse befriedigt. Denk gar nicht erst daran! Ich rede von großartiger Eiscreme, billiger Pizza und geschmackvollem Wein. Es blieb nur noch eine Sache übrig, die wir beide unbedingt machen wollten: Am Strand in Viareggio campen. Trotz unbeständiger Wettervorhersagen entschlossen wir uns dazu, Montags aufzubrechen. Da Alice noch eine Klausur bis 4 Uhr schreiben musste, haben wir den Zug genommen. Ja, Schande über mich aber wir waren uns einig: den Weg zurück wird getrampt. Ihr erstes Mal. Ich liebe die Aufregung, die “das erste Mal trampen” bei Personen auslösen kann. Die Zugfahrt dauert 1 Stunde.

Bevor wir in Viareggio ankamen, waren wir uns nicht sicher wie einfach es sein wird, einen versteckten Platz zum Campen in Ozeannähe zu finden. 5km später werden wir herausfinden, dass wir dies gar nicht brauchen. Der komplette Strand ist leer. Off-Season, ich liebe dich. Leider ist das Wasser sehr sehr kalt. Zu kalt um “Nacktbaden” von jemandes To-Do Liste zu streichen. Das nächste Mal!

Nach einem kleinen Strandspaziergang finden wir den perfekten Platz. Geschützt von angeschwemmten Holz beginnen wir damit, unser Lager für die Nacht aufzubauen. Meine kleine Zelt-Lampe lässt die Szene wie aus einem Camping Katalog wirken. Zumindest würde sie es, wenn Handy Kameras bei Dunkelheit nicht absolut versagen würden. Schätze ihr werdet mir einfach glauben müssen. Während hinter uns die Sonne langsam damit beginnt, die andere Seite unserer Erde zu erwärmen, haben wir ein gehobenes Abendessen (Brot und Kekse), guten Wein (die Meisten würden dem wohl nicht zustimmen) und wir tanzen zu dem Song “Home” von “Edward Sharpe & The Magnetic Zeros”. Dies sind die Momente, die ich niemals vergessen werde, die Momente, für die ich reise, die Momente, für die ich lebe. 

Viareggio beach

Leider haben wir den Sonnenaufgang um knappe 3 Stunden verschlafen. Trotzdem konnten wir noch ein paar Stunden in der Sonne liegen, bevor wir uns auf die Suche nach einem Ort zum Trampen machen mussten. Ehrlich gesagt war es recht wichtig, zurück nach Florenz zu kommen, da Alice am nächsten Tage wieder eine Klausur schreiben musste. Wir hatten zwar einen Notfallplan, sprich einen Notfall-Zug, mussten diesen jedoch glücklicherweise nicht in Anspruch nehmen. Nach einer 2 stündigen, regenreichen Wanderung quer durch das Stadtzentrum, fanden wir einen Platz, der in meinen Augen annehmbar war. Hab ich eigentlich schon erwähnt, wie fotogen wir beide sind?

2 Lifts (Lift bedeutet, dass uns jemand beim trampen mitgenommen hat) und ungefähr 5 Stunden später erreichen wir Florenz. “Dies wird definitiv nicht das letzte Mal sein, dass ich getrampt habe” sagt Alice. Ich schätze ich habe einen guten Job getan. Wir konnten sogar diesen verdammten schiefen Turm sehen, als wir über eine Landstraße an Pisa vorbeigefahren sind. Vielleicht bin ich ja doch gar nicht mal so ein schlechter Tourist? Als wir in Florenz ankommen, bringt mich Alice zu ihrer liebsten Eisdiele, wir gehen zu einem Supermarkt (um meine Nahrungsreserven zum Trampen aufzufrischen) und erreichen schließlich Ihr Apartment. Dies wird mein letzter Abend in Florenz sein und dieses Mal werde ich Florenz definitiv nicht vergessen.

“Ich hoffe wir treffen uns wieder” ist ein Satz, den man beim Reisen sehr häufig benutzt. Meistens kommen diese Worte automatisch aus meinem Mund, vergleichbar mit einer höflichen Geste oder Angewohnheit. Diesmal jedoch, bedeuten Sie etwas. Vor 2 Jahren hätte mich ein Abschied wie dieser für ein paar Tage traurig gestimmt. Mittlerweile habe ich mich jedoch daran gewöhnt. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich im Laufe meiner Reise sehr oft in derartigen Situationen befinden werde. Weit öfter, als ich es mir wünschen würde. Ein Opfer, dass ich jedoch gewillt war und gewillt bin, zu bringen. Das nächste Mal wird es vielleicht nur ein Handschlag, eine Umarmung, ein einfaches ‘Auf Wiedersehen’ oder etwas völlig anderes sein. Unabhängig davon, werden diese Abschiede jedoch immer einen faden Beigeschmack mit sich bringen. 

Ein letzter schlechter Witz, ein letztes Grinsen, ich drehe mich um und beginne, Richtung Bahnhof zu schlendern. Um ein paar wundervolle Erinnerungen bereichert, schaue ich in den Himmel. Die Sonne strahlt, es ist ein herrlicher Tag. Ich höre die Sohlen meiner Flipflops bei jedem Schritt quietschen und ich bin glücklich. Während man reist, sind diese Momente mit das höchste, worauf man hoffen kann. Man lernt, Sie so gut wie möglich in sich selbst einzusaugen, um Sie dann in schlechten Zeiten wieder abzurufen. Und genau diese Erinnerungen sind es, die mich zum weitermachen bewegen. Ich bin Dankbar für die tolle Zeit in Florenz und gleichzeitig bin ich gespannt, wie meine Reise weitergehen wird. Nunja, ich würde sagen ich trampe einfach mal Richtung Österreich zurück und werde es herausfinden! 5 Stunden nachdem ich Alice in Florenz verlasse, wird mich mein erster Fahrer mitnehmen. Diesem werde ich erzählen, dass ich eigentlich nur nach Italien gekommen bin, um ein Mädchen zu besuchen, dass ich für nur einen Tag in Graz kennengelernt habe. Er wird mich anschließend Fragen “War es denn den Weg nach Italien wert?”

Ohne darüber nachzudenken, beginnt sich mein Mund zu öffnen. “Ja, absolut.”

 

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich 40 Stunden nach unserem Abschied in der Nähe von Venedig auf einer Autobahnauffahrt festsitzen werde. Völlig durchnässt vom Regen, zitternd und enttäuscht darüber, dass niemand anhalten will. 

Hätte dies etwas an meiner Antwort geändert? Nein, nicht im geringsten.