Kurzgeschichten

Manchmal fühlt sich meine Reise wie ein Fluss aus zusammenhängenden Ereignissen an, oft ähnelt mein derzeitiges Leben jedoch einer Sammlung von Kurzgeschichten. Kurzgeschichten, die meist nach einer überschaubaren Zeit am Rande einer Straße enden, Kurzgeschichten, die sich manchmal zu Geschichten entwickeln. Geschichten, die allesamt eines gemeinsam haben. Sie enden früher oder später.

Ein langsamer Start

Ich spüre die Last meines Lebens auf meinen Schultern. Zum wiederholten Mal. Die Riemen meines Rucksacks, die in vertrauter Weise auf meinen Schulterblättern lasten. Anders. Weicher. Dieser Morgen, der Morgen des 21. September, ist der Erste, an dem ich sowohl meine Winterjacke, als auch meinen Backpack trage. Unsicherheit, Trägheit, eine Priese Trauer, aber auch Begeisterung. Emotionen, die mich während meines Abschieds begleiten. Adrenalin steigt in meinen Kopf, Gänsehaut und ein lockeres Lächeln. Reaktionen auf die Gewissheit, bald wieder an der Straße zu stehen. Mein Weg führt mich nach Bochum, ein erneutes Wiedersehen wartet auf mich. Die vorerst letzten bekannten Gesichter. Wir verbringen 4 Tage damit, über alte Zeiten zu reden, billigen Wein zu trinken, Möbel zu schleppen, in Diskotheken zu tanzen und Risiko zu spielen. ‘Wo sind die letzten 4 Tage hin?’ ist eine Frag,e die am Ende meines Aufenthaltes plötzlich im Raum steht. Zeit fliegt. Was ich von unserem Wahlergebnis in Deutschland halte? Hier seht ihr meine Reaktion bei unserem ersten Risiko-Spiel. Ich habe mich nach den ersten Hochrechnungen ähnlich gefühlt.

Risiko in Bochum

Geisterfahrer

Regentropfen tanzen entland der Windschutzscheibe. Vereinzelte Straßenlichter, die den weiteren Verlauf der Fahrtrichtung erahnen lassen. Sitzpolster, gehüllt in einen blau-weißen Hawaii Bezug. Ein klassischer T4 Bus, der von einem sperrigen Pferdeanhänger verfolgt wird. Straßenschilder, die ungewöhnlich aussehen, gar unwirklich wirken. Eine Baustelle, die ich aus dieser Perspektive noch nie zuvor gesehen habe. Ich schaue Jonael an, der sich konzentriert an seinem Lenkrad festhält. Seinem Aussehen nach würde man ihn eher auf einem Surfbrett, als am Steuer eines Buses erwarten. Übermüdet und gleichzeitig amüsiert lache ich es heraus. ‘Verdammt, dies ist das erste mal, dass ich mit einem Geisterfahrer unterwegs bin!’

Genervte Gesichter, eine aufwühlende Ungewissheit, umherirrende Autobahnfahrer. Ich realisiere, wie schnell Autos auf den deutschen Autobahnen tatsächlich fahren, als ich in neben der Gegenfahrbahn eine Zigarette rauche. Ein schwerer Unfall, mehrere LKW Fahrer sollen involviert sein. Ungefähr 1 Kilometer vor dem Autobahnabschnitt, an dem ich und Jonael für die nächsten 5 Stunden festsitzen werden. Die Rettungsgasse wird zu einer viel befahrenen Straße. Polizeiwagen, ein verwirrter LKW Fahrer, mehrere Kräne, die auf die Schwere des Unfalls schließen lassen, und ein letztes Fahrzeug. Ich habe meine Augen bereits halb geschlossen und mich auf dem Beifahrersitz in Schlafstellung gebracht, als ich von einem grellen, gelben Licht aus dem Schlaf gerissen werde. Ein auffälliges Licht, das den Weg für das vorerst letzte Fahrzeug bereitet. Einem Leichenwagen. Ich schließe meine Augen.

Um 1 Uhr morgens werde ich von einem lauten Klopfgeräusch geweckt. Ein Polizeibeamter. Er bittet uns umzudrehen und 5 Kilometer zurück zu fahren. Eine Umleitung ist nun eingerichtet.

Der Leuchtturm

Schnelle Schritte. Eine steile Sanddüne. Es fühlt sich an, als würde man eine Rolltreppe in falscher Richtung aufwärts laufen. Wir haben kaum noch Zeit. Ein Sonnenuntergang, das die Nordsee in einen magentafarbenen Mantel hüllt. Ein Schauspiel, welches wir bei einem gemeinsamen Bier, einem erstaunlich reichhaltigem Abendessen und ein paar Gitarrenklängen genießen. 5 Stunden zuvor. Langsame Schritte. Kalter Wind prallt auf mein ungeschütztes Gesicht. Ich bin in Dänemark. Fröstelnd stehe ich am Rande der Straße. Ohne Host, ohne Plan, auf dem Weg zu einem Ort, den mir mein erster Lift empfohlen hatte. Ribe. An manchen Tagen vertraue ich vollends auf das Trampen und dies ist einer der Tage, an denen es sich bewahrheiten wird. Tobias, ein 24 jähriger Deutscher, nimmt mich nach 1 stündiger Wartezeit an einer Haltebucht, unmittelbar hinter einem großen Verkehrskreisel mit. Er fährt einen Volkswagen, einen T4 Bus.

Sunset in Denmark

Sunset in Denmark

Der Leuchtturm wirft riesige Lichtsäulen in sämtliche vier Himmelsrichtungen. Seine schnelle Drehbewegung lässt den Abendhimmel zu einem Schauspiel werden. Sternschnuppen leiten den letzten Akt ein. Mein letzter Wunsch wartet immer noch darauf, in Erfüllung zu gehen. Ich setze dieses Mal aus. Home. Tobias macht mich mit diesem fantastischen Song von Will Hanson bekannt. Wir gehen auch Heim. Heim bedeutet dieses Mal eine gemütliche Matratze in einem schwarzen VW Bus am Fuße eines Leuchtturms. Heim bedeutet für Tobias am nächsten Tag, weiter in Richtung Norden zu fahren, für mich bedeutet es, weiter in Richtung Osten zu trampen. Für uns beide bedeutet es Abschied.

Leuchtturm Dänemark

Die Fähre

‘Willst du zur Fähre oder zur Autobahn?’, fragt mich mein Lift, mit dem ich in Richtung Aarhus unterwegs bin. Verwunderung, ist es endlich soweit? Er erzählt mir davon, bereits mehrmals Tramper am Hafen gesehen zu haben. Vorfreude, es ist endlich soweit! Blonde Haare, eine Jacke, die aus einem Second Hand Laden stammen könnte, ein sympathisches Lächeln, ein Aussehen, wie es skandinavischer nicht sein könnte. In ihren Händen hält Lisa ein Stück Papier, auf dem in türkiser Farbe ‘Copenhagen‘ zu lesen ist. ‘Copenhagen’ gefolgt von, dem in Lisas Augen wichtigsten Bestandteil, einem Smiley. Die Fährgesellschaft berechnet ihre Preise nach Fahrzeug, nicht nach Personen. Es dauert nicht lang bis wir uns in einem brandneuen Tesla Auto wiederfinden. Ein leichter Druck gegen die Autotür lässt die Türgriffe herausfahren. Ich bin begeistert und frage mich gleichzeitig, wie viele Monatslöhne dieses Fahrzeug wohl verschlungen hat.

Die Jacke stammt tatsächlich aus einem Second Hand Laden. Wir einigen uns darauf, dass Sie früher einer älteren Dame gehört hat. Wir einigen uns darauf, dass diese wahrscheinlich nicht mehr am Leben ist. Wir einigen uns darauf, dass ich Ihre Jacke mag. Die 75 Minuten auf der Fähre vergehen wie im Flug. Die ausgebildete Tänzerin, die zurzeit wegen einem gebrochenen Fuß pausieren muss, stellt eine ausgezeichnete Gesprächspartnerin dar. Sie stimmt außerdem zu, später einmal in meiner Strandbar als Tänzerin zu arbeiten. Ihre einzige Auflage besteht darin, keine Schuhe tragen zu müssen. Einverstanden. Eine weitere 90 minütige Autofahrt mit einem neuen Fahrer, den wir auf der Fähre kennengelernt haben und wir erreichen Kopenhagen. Eine Umarmung und eine nichtige Chance, uns entweder auf meinem Rückweg oder sogar in meiner Strandbar wiederzusehen. Wie gesagt, Kurzgeschichten.

Trampen auf einer Fähre in Dänemark

Überwältigend

Alte Ehepaare, junge Frauen, erfolgreiche Geschäftsleute, Doktoren oder klassisch Männer in mittlerem Alter. Dänemark stellt die Regeln des Trampens auf den Kopf. Ein Land, in dem die Menschen noch nicht von Ängsten bestimmt sind, ein Land, in dem Menschen einander vertrauen. Darüber hinaus spricht tatsächlich jeder Däne englisch. Und nicht nur Grundlagen, nein, fleißend englisch. Ich muss zugeben, in Bochum erneut an der Straße zu stehen, hat sich nach den vergangenen 3 Wochen komisch angefühlt. Meine bisherigen Tramp Erfahrungen in Dänemark waren jedoch überwältigend. Ich habe beinahe vergessen, wie es sich anfühlt, mit jedem Lift eine Unterhaltung führen, und ihren Kurzgeschichten interessiert lauschen zu können.

Die letzten Tage haben mich daran erinnert, ich wen ich mich damals in Neuseeland verliebt hatte. Ich hatte mich ins Trampen verliebt. Ich kann es kaum erwarten, morgen in Richtung Norwegen aufzubrechen. Ich bin motiviert und bereit, eine meiner bisher größten Herausforderungen anzutreten. Ich werde zum Nordkap in Nord Norwegen trampen. Ob ich einen Host habe? Bisher noch nicht. Ob mich das beunruhigt? Ganz im Gegenteil. Ich habe ein gutes Gefühl und freue mich auf meinen Ausflug in die Natur, meine Reise zu den Polarlichtern, mein Abenteuer in der Wildnis.