Karma

Ich muss mich korrigieren. Ich glaube nicht vollends an die Definition von Karma. Ich bin mir sicher, dass nicht jede kleinste Handlung eine Auswirkung in der Zukunft haben wird. Stattdessen glaube ich daran, dass gute Taten die Chancen auf zukünftige, positive Ereignisse erhöhen. Und selbst wenn nicht, gute Taten fühlen sich großartig an. Ich bin davon überzeugt, dass dies in der Natur des Menschen liegt.

Vor einer Woche habe ich meinen ersten Couchsurfer beherbergt – oder sagen wir eher meine Familie hat. Ich habe eine Anfrage von einer Amerikanerin erhalten, die durch eine Verkettung von verrückter Ereignisse in der Nähe meines Heimatortes gestrandet war. Etwas, das normalerweise niemals passieren würde, da ich in einem winzigen Dorf mitten im Nirgendwo groß geworden bin. Aufgeregt habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester telefoniert und es hat funktioniert. Melanie, eine Reisende in ihren Dreißigern, hat eine Nacht in meinem Elternhaus verbracht. Vor einem Jahr hätte ich dies nie für möglich gehalten. Meine Mutter nimmt eine fremde Person, die noch nich einmal Deutsch redet, in ihrem Haus auf..verrückt. Ich schätze meine Reise hat sich auch auf meine Familie positiv ausgewirkt. Ich habe sie anschließend gefragt, wie es sich angefühlt hat. Wahnsinnig gut hat sie geantwortet. Ich schätze sie versteht nun etwas besser, warum mir Menschen in der ganzen Welt eine Unterkunft anbieten.

An diesem Montag Nachmittag, werde ich mit einer überwältigenden Situation konfrontiert werden. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie sich Alon nach seiner Tat gefühlt hat, aber ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich fühlte. Ich fühlte mich benommen. Benommenheit als Resultat aus Großzügigkeit.

Es ist Montagmorgen als ich mich in Jerusalem an die Straße stelle. Ich muss 300 km nach Süden trampen. Ich will nach Eilat, eine Stadt an der Grenze zu Jordanien und dieser Weg führt mich durch die Wüste von Israel.

trampen Israel Wüste

Ich kann noch nicht einmal meine Zigarette aufrauchen, bis das erste Auto anhält. Eine Premiere. Eine junge Frau mit Baby an Bord. Ich schätze der Militärdienst sorgt dafür, dass die Menschen hier weniger Angst vor Trampern haben. In Israel muss jeder Mann und jede Frau im Militär dienen. Männer für 3 Jahre und Frauen für 2. Dies resultiert darin, dass man auf der Straße ständig auf Minderjährige trifft, die Maschinengewehre um ihre Schultern tragen. Ein Anblick, an den man sich definitiv gewöhnen muss.

Mein dritter Lift setzt mich im Norden des Toten Meers ab. Ich wollte es mir nicht entgehen lassen, den ‘tiefsten Punkt unserer Erde’ zu sehen und meine Route führte mich so oder so entlang des Ufers. Als ich den Eingang zum Strand erreiche, muss ich mit Erschrecken feststellen, dass Eintritt verlangt wird. 15 Euro. Ein Eintritt, den ich mir nicht leisten kann. Die Eingangswächter verweisen mich auf einen kostenlosen Strandabschnitt, der sich eine einstündige Autofahrt weiter südlich befindet. Okay, neuer Plan. 2 km später finde ich mich an der Hauptstraße wieder. Mit ausgestrecktem Arm und abgespreiztem Daumen. Die Temperatur beträgt 40 Grad. Ich hatte derartige Temperaturen zuvor, aber es hat sich nie so intensiv angefühlt. Ich habe das Wüstenklima unterschätzt. 90 Minuten ohne Lift – normalerweise würde mir dies nichts ausmachen, aber die Hitze bringt mich an meine Grenzen. Doch dann stoppt plötzlich Alon.

‘Ich habe dich vor 2 Stunden am Eingang zum Strand gesehen – stehst du seitdem hier in der Sonne?’ Ich erkläre meine Situation und Frage nach einem Lift in Richtung des kostenlosen Strands. ‘Ich könnte dich dorthin mitnehmen…aber weist du was? Der Strand hier ist wesentlich besser. Ich will, dass du ihn siehst. Ich werde den Eintritt für dich bezahlen!’ Ich versuche das großzügige Angebot abzulehnen, aber Alon lässt mir keine Chance. Er durchsucht seinen Geldbeutel und reicht mir einen Geldschein. 50 Euro..viel zu viel…der Eintritt kostet nur 15 Euro aber Alon besteht darauf. ‘Als ich jung war bin ich selbst mit kleinem Budget gereist. Ich bin mir sicher, dass du das Geld gebrauchen kannst’. Ich bin sprachlos. Ich ringe nach Worten und ‘Vielen vielen Dank‘ ist die einzige Floskel, die ich in diesem Moment über die Lippen bringe. 10 Sekunden später ist Alon verschwunden. Ich habe nicht die kleinste Idee wer Alon war und ich werde es vermutlich nie herausfinden. Aber ich werde seine Tat nie vergessen. Ich werde seine Geschichte in der ganzen Welt erzählen. 

Totes Meer Israel

Ich fühle mich als würde ich fliegen. Ernsthaft, auf dem Toten Meer zu treiben fühlt sich wie fliegen an. Auf meinem Rückweg sehe ich zum wiederholten Male einen Mann, der über seine Kamele wacht. Ich teile ein paar meiner Früchte mit ihm. Nach meiner Begegnung mit Alon ist dies das Geringste, das ich tun kann. Zurück an der Straße stoppt ein Mietfahrzeug nach wenigen Minuten. 3 Deutsche, die im Theater arbeiten. Nadine, Andra und Till.

Wir fahren zusammen zu dem kostenlosen Strand, von dem mir zuvor erzählt wurde. Als wir dort ankommen, treffen wir auf eine dreiköpfige, polnische Reisegruppe. Diese und meine deutschen Begleiter haben sich eine Woche zuvor im Flugzeug nach Tel Aviv kennengelernt. Und nein, dieses Treffen war nicht geplant. Um das ganze etwas abzukürzen: Wir haben die Nacht zusammen am Strand verbracht, haben uns bei Bier und Wein über unsere Geschichten unterhalten und uns fortwährend über die Hitze beschwer. Scheinbar kühlt es in dieser Region nicht einmal nachts ab. Nach 3 Stunden Schlaf schleppen wir uns vollkommen übermüdet zu unseren Autos, um den Sonnenaufgang von einem nahe liegenden Berg aus zu bezeugen. Es ist 5 Uhr morgens, die Temperatur von 37 Grad und der Schlafmangel machen den steilen, einstündigen Hike zu einer Bewährungsprobe. Wie auch immer, wir haben die Spitze rechtzeitig erreicht und sind auf die wohl bestmögliche Art und Weise in den Tag gestartet.

Totes Meer Israel

Totes Meer Israel Sonnenaufgang

Die 3 Deutschen setzen mich um 8 Uhr morgens wieder an der Straße ab. Die Müdigkeit in Kombination mit der intensiven Sonneneinstrahlung lassen mich erahnen, wie sich Foltern anfühlt. Ich nutze mein Pappschild diesmal nicht zum trampen, sondern als Sonnenschutz, um so einem Hitzschlag zu entrinnen. Wie bereits erwähnt, ich habe das Wüstenklima definitiv unterschätzt. Ein paar Stunden später erlöst mich Israel von Israel. ‘Ich bin Israel von Israel’ ist wohl die coolste Vorstellung, die ich jemals gehört habe. Er bringt mich nach Eilat. Fun Fact: Sein Bruder ist der Haupt-Bodyguard von Wonder Woman. Dies ist auch so ziemlich das Einzige, an das ich mich erinnere, da ich binnen von Minuten in einen komatöse Schlaf gefallen bin. 

Trampen in der Wüste von Israel

Ich habe 2 Nächte in Eilat verbracht. 2 Nächte auf der Couch von Asa. Ein weiterer Reisender, der momentan seinen Universitätsabschluss nachholt. Er hat früher einmal eine Bar geleitet und ein ‘Ich bin sicher, du wirst es zu deiner Bar bringen und du wirst ein verdammt guter Besitzer sein’ aus einem Mund stellt ein riesiges Kompliment für mich dar. Die Außentemperatur von 45 Grad sorgt dafür, dass wir unsere Freizeit fast ausschließlich auf der Couch in seinem klimatisierten Apartment verbringen und unsere Reisegeschichten miteinander austauschen.

Donnerstags bringt mich Asa zur jordanischen Grenze. Dies könnte meine erste abenteuerliche Grenzüberschreitung werden. ‘Woher kommst du?’ ‘Ohh, ich liebe Deutschland!’ Willkommen in Jordanien.

In letzter Zeit hat alles beängstigend gut geklappt. Ich hatte in meiner letzten Woche keinerlei Probleme und könnte mich momentan kaum besser fühlen. Gestern habe ich einem Einheimischen in Petra eine meiner Hosen geschenkt. Ich weis nicht, ob dies meine zukünftige Reise in irgendeiner Art und Weise beeinflussen wird, aber ich kann dir sagen, wie es sich angefühlt hat. Es hat sich großartig angefühlt. Ich hoffe Alon hat sich ähnlich gut gefühlt, nachdem er mir 50 Euro geschenkt hat. Ich wünsche es mir.