Routinen

Routinen werden meist als etwas schlechtes angesehen…etwas, das dich langfristig zermürbt. Es gibt unzählige Bücher und Artikel darüber, wie man ‘aus seinen Routinen ausbrechen kann‘. In den letzten 5 Monaten habe ich fast gänzlich ohne Routinen gelebt. Meine Telefonate mit Jasmin, das Mädchen, das ich in Italien besucht hatte, waren so ziemlich das einzige, das einer Routine nahe kam. Mit ihr alle 2 oder 3 Tage zu telefonieren, war meine einzige Konstante, umgeben von all den Variablen. Dies war meine kleine Routine, eine kleine Routine, die mich angetrieben hat, eine kleine Routine, die mich an meinen schlechten Tagen aufgeheitert hat. Wie sieht es bei dir aus?

Würdest du deine Routinen tatsächlich als schlecht bezeichnen?

Dies ist meine erste Zusammenfassung, mein erstes Résumé. Ich hab in den letzten Tagen ein wenig mit Zahlen gespielt und kann euch nun ein paar Statistiken präsentieren.

Ich bin durch 14 Länder getrampt und habe dabei 10.500 Kilometer zurückgelegt. Von meinem Zuhause nach Bangkok muss man 9000 Kilometer zurücklegen, nur um euch einen kleinen Vergleich zu geben. Ich war für 138 Tage unterwegs. Dies bedeutet, dass ich im Schnitt 76 Kilometer pro Tag getrampt habe. Ich habe 8 Nächte in Hostels übernachtet, habe mein Zelt 17 Mal aufgeschlagen und habe insgesamt bei 31 verschiedenen Personen übernachtet. Ohne zu bezahlen. Familien, Studenten, andere Reisende, Einheimische, Ausländer und sogar in Hotels. Ich habe bei 31 fantastischen Menschen übernachtet, ich habe bei 31 Freunden übernachtet. Insgesamt wurde ich beim Trampen 143 Mal mitgenommen. Ich schätze die Verteilung dürfte grob folgendermaßen aussehen: 5% Frauen, 80% Männer, 13% Paare/Freunde und 2% Kerle, die mich anfassen wollten. Lediglich einer von diesen hat mir Geld angeboten. Scheinbar beträgt mein durchschnittlicher Handjob Prostitution-Preis 25 Euro. Ich werde diesen zukünftig aktualisieren. 

Ich habe bereits 25 Blogeinträge veröffentlicht und als ich den Papierstapel gesehen habe, den meine Schwester für meine Großeltern ausgedruckt hatte, wurde mir klar, wie viel ihr armen Kerle zu lesen habt. Ich glaube ich habe schon fast ein verdammtes Buch zusammen. Ich bin unglaublich dankbar für jeden, der mir auf meiner Reise gefolgt ist, mit mir mitgefiebert hat, mit mir gelacht hat oder sogar mit mir geweint hat. Ich lade euch dazu ein, mit mir zusammen meinen bisherigen Trip ein letztes mal zu rekapitulieren. Ich will euch zu jedem Land ein kurzes Highlight und Lowlight (Tiefpunkt) geben und jeweils erneut mein Lieblingsbild mit euch teilen.

Österreich

Mein Highlight war definitiv Alex, der verrückte Kerl mit dem ich am Ende 9 Nächte in Österreich verbracht habe. Seinen alten VW Bus durch eine Gebirgskette zu fahren war eine dieser unvergesslichen Erfahrungen. Ich habe nicht wirklich ein Lowlight in Österreich erlebt aber nunja, Trampen im Schnee ist jedenfalls nichts, was ich unbedingt wiederholen müsste. Das Bild zeigt mich auf einer Bergspitze, mit deinem Ausblick auf den See, an dem ich und Alex ein paar Tage zuvor geangelt haben.

Berg Ausblick Österreich

Italien

Dieses Land hat mich sehr gut auf den Rest meiner Reise vorbereitet. Jasminhat mich einsehen lassen, dass ich mich doch niemals an ‘Verabschiedungen‘ gewöhnen werde, beziehungsweise will und ‘Hallelujah Frau‘ hat mir und meinen Lesern aufgezeigt, wie verrückt und unerwartet Trampen sein kann. Jasmin und ‘Hallelujah Frau’, 2 Menschen die nicht unterschiedlicher sein könnten. 2 Menschen, die dennoch eines gemeinsam haben, die Beiden waren mein Highlight in Italien. Das Lowlight war trampen an einer Autobahnauffahrt – 5 Stunden ohne Lift trotz Regen und starkem Wind. Ein Moment, in dem ich für kurze Zeit meinen Glauben an die Menschlichkeit verloren hatte. Da ich meine treue Leserschaft nicht enttäuschen will, Venedig war auch scheiße. Mein Lieblingsmoment war außer Frage Tanzen am Strand zu Edward Sharpes Song ‘Home‘ mit dieser verrückten Asiatin. Im nachhinein war dies auch der Moment, der meine Reise in eine völlig andere Richtung geführt hatIch bin bin froh darüber.

Italien Strand

Slowenien

Um die Sache kurz zu machen, ich kann kaum etwas über Slowenien erzählen. Ich war lediglich auf 2-tägiger Durchreise. Mein Highlight war der 600 km lift von Ljubljana nach Split und mein Lowlight war die Tatsache, dass ich auf diesen Lift 6 Stunden warten musste. Ich habe nicht viele Fotos geschossen, aber scheinbar hat es der See Bled vielen Leuten angetan.

See Bled Slowenien

Kroatien

Erneut 2 Highlights, Georgina und das ‘Flitterwochen Paar’. Ein Couchangebot in einem Hotelzimmer und ein Lift auf eine Bergspitze von einem Paar, dass sich gerade in ihren Flitterwochen befindet. Beides Situationen, die einem im echten Leben doch recht selten begegnen. Mein Lowlight war der starke Tourismus und die Veränderung, die sich dadurch bei vielen Einheimischen bemerken ließ. Das Bild zeigt mich beim Zelten in Dubrovnik. Wahrscheinlich der einzigartigste Platz, an dem ich jemals gezeltet habe.

Zelten in Dubrovnik

Bosnien und Herzegowina

Mein Hitch hike zu und meine Zeit mit Sile waren definitiv mein Highlight. Der Lift von einem Dubiosa Kolektiv Bandmitglied mit anschließendem Umtrunk und die Großzügigkeit, die ich bei Sile und seiner Famile erfahren habe, hat Bosnien und Herzegowina zu einem meiner Reisehighlights gemacht. Es ist nicht wirklich ein Lowlight, aber die Geschichten der Menschen haben mir stellenweise das Herz gebrochen. Eine tragische Vergangenheit gemischt mit einer gegenwärtig aussichtslosen wirtschaftlichen Situation, haben mich mehr als einmal schwer schlucken lassen. Das Bild zeigt die Kravica Wasserfälle, an denen ich Jonathan getroffen habe, ein Franzose, der momentan von Paris nach Bangkok trampt.

Kravica Wasserfälle Bosnien

Montenegro

Erneut ein sehr kurzer Aufenthalt und ich bin mir nicht sicher, ob ‘Masturbations-Mann‘ ein Highlight oder Lowlight war. Der Gute ist mir definitiv in Erinnerung geblieben und hat es zu einem Running Gag bei meinen Freunden geschafft. Dieses Bild zeigt mich auf einem Berg in Kotor. Einer der ersten Momente, an dem ich meine Reise revue passieren ließ.

Berg in Kotor

Albanien

Es muss einfach der ‘unmögliche Hitch Hike’ sein. Die Fahrt über die Berge zu einem kleinen Dorf mit Elias und Damian in ihrem alten VW Bus waren definitiv mein Highlight. Vor allem, da ich mit den Beiden 2 Nächte im Bus verbringen konnte. Mein Lowlight waren die durchschnittlichen Englischkenntnisse der Autofahrer. Ich habe unglaublich viele tolle Menschen getroffen und wurde sogar oft eingeladen, aber ich konnte leider mit den meisten von ihnen kaum ein Wort wechseln. Etwas, dass mich irgendwann traurig gestimmt hatte, da ich gerne mehr über diese Menschen erfahren hätte. Dies sind ich und die beiden Deutschen, die den unmöglichen Hitch Hike möglich gemacht hatten.

Trampen in Albanien

Griechenland

Die Landschaft in Nord-Griechenland hat mich unerwartet überrascht. Meine 2 Tage in Meteora, 2 Tage voller Hiking und Wildcampen waren mein Highlight in Griechenland. Das ganze hatte jedoch auch seinen Preis gefordert. Trampen von Ioannina nach Athen hatte insgesamt 5 Tage in Anspruch genommen. 4 Nächte in meinem Zelt führten dazu, dass ich mich das erste Mal auf meinem Trip einsam gefühlt hatte. Mein Lowlight. Dieses Bild zeigt mich in Meteora. Es zeigt mich, wie ich einen kurzen Moment der Ruhe genieße, der ein wenig später wieder vom nächsten Touristenbus gestört werden wird.

Meteora Griechenland

Israel

Die 2 jungen Männer, die mir beim Trampen 50 Euro gegeben haben – selbst wenn ich heute darüber nachdenke, fühlt sich die Situation nach wie vor surreal an. Die Beiden ermöglichten mir, das Tote Meer im Norden zu besichtigten, die Beiden waren mein Israel Highlight. Leider werden sie dies nie erfahren. Mein Lowlight waren die Preise. Israel ist wunderschön, aber unglaublich teuer. Dieses Bild zeigt mich in Jerusalem, ein paar Tage nach dem Attentat am Tempelberg.

Tempelberg Jerusalem

Jordanien

Schlicht und einfach die Menschen. Obwohl viele Gegenden vom Tourismus geprägt waren. Unglaubliche Hosts, tolle Lifts und viel Neugierde, die mir entgegengebracht wurden. Mein Highlight waren die Menschen von Jordanien. Das Lowlight war ein Taxifahrer, der mich an der Grenze abgezockt hatte. Aber nunja, scheiß auf ihn. Dieses Bild zeigt mich in Petra. Ein Hike durch die Canyons führe mich an einen Platz, der den meisten Touristen verborgen bleibt. Ein atemberaubender Ausblick. 

Jordanien Petra Ausblick

Georgien

Mein Highlight war der Lift von Levani. Eingequetscht in seinem Kofferraum auf einer der gefährlichsten Bergstraßen der Welt. Das nenne ich Spaß! Auch die Woche, die ich im Anschluss bei ihm verbracht habe, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich kann euch kein Lowlight in Georgien nennen, höchstens das Wetter, das nicht immer perfekt war. Aber das ist beschweren auf sehr sehr hohem Niveau. Mein Lieblingsbild zeigt die Straße, die ich im Kofferraum überlebt habe.

Trampen in Georgien

Türkei

Hier kann es keine zweite Meinung geben, mein Highlight in der Türkei war mein Aufenthalt mit Mesut. Eine Hochzeit, ein Hike auf eine 4000 Meter Bergspitze und viele neue Freunde. Ich will außerdem die türkische Gastfreundschaft im Allgemeinen loben. Mein einziges Lowlight ist die Tatsache, dass ich nicht mehr Zeit in diesem wundervollen Land verbringen konnte. Das Bild zeigt mich in der Nähe der Bergspitze, umgeben von einer Landschaft, die Worte kaum zu beschreiben vermögen.

Bergspitze Türkei

Bulgarien/Serbien

Und wieder kann ich kaum etwas über diese beiden Länder sagen. Meine Highlights waren definitiv die 2 Wiedersehen in Sofia und natürlich mein 1200 Kilometer Lift von Darko. Mein Lift nach Deutschland. Ich schätze mein Lowlight war das Warten an der Grenze. 10 Stunden ohne Lift haben mich an meine Grenzen gebracht. Das Bild zeigt mich ein paar hunderte Kilometer zuvor auf der Bulgarischen Autobahn.

Trampen in Bulgarien

Das wars also. Dies war der erste Teil meiner großen Reise. Als ich vor 5 Monaten gestartet bin, habe ich mit einer wahnsinnig tollen Zeit gerechnet, aber meine Erwartungen wurden um Welten übertroffen. ‘Was war dein Highlight auf deinem Trip?’ ist eine Frage, mit der ich in den letzten Tagen sehr häufig konfrontiert wurde. Ehrlich, ich kann euch keine Antwort geben. Aber sucht euch gerne einfach eines der oben genannten Highlights heraus. Zurück in Deutschland zu sein war ebenfalls eine sehr bewegende Erfahrung. Ich habe viel Feedback bekommen und dies fiel ausnahmslos überwältigend aus. Ich fühle mich, als hätte mein Blog diese verrückte Welt ein wenig besser machen können. Dies ist etwas, an das ich glauben will, etwas, das mich am nächsten Donnerstag wieder auf die Straße ziehen wird, etwas, das mich meinen Daumen mit einem breiten Grinsen in die Luft strecken lassen wird.

Ein Kaffee am Morgen, meine Freunde und Ex-Arbeitskollegen mit einer Umarmung begrüßen oder ein Gute Nacht Kuss auf die Wange meiner Mutter. Neben einiger Fragen wurde ich in den letzten Tagen auch mit einer Vielzahl an ehemaligen Routinen konfrontiert und mir wurde klar, wie sehr ich manche von diesen vermisst habe. Ein leben ohne Routinen, ohne Konstanten, ohne enge Freunde. Dies ist es, wofür ich mich entschieden habe und dies ist gleichzeitig das Härteste daran, alleine zu reise. Erinner dich daran, wenn du das nächste Mal deinen Partner küsst, wenn du das nächste Mal deine Freunde oder deine Eltern umarmst, wenn du das nächste Mal morgens einen Kaffee schlürfst. Und genieße diese Momente als wären sie keine Routinen. Ich schätze am Ende sind Routinen und Freundschaften sehr ähnlich.

Dir wird erst bewusst wie sehr du sie vermisst, sobald sie nicht mehr da sind.