Let it snow

Die Sonne brennt auf meinem Gesicht. Ich kann bereits den Sonnenbrand, mit dem ich am nächsten Tag aufwachen werde, spüren. Es fühlt sich gut an. Es ist genau halb 1. Meine Mutter und Schwester winken mir zu, als sie mit ihrem Auto an mir vorbeifahren. Die gewohnten Geräusche von vorbeifahrenden Autos und Autohupen dringen in mein Ohr. Mir wird bewusst, dass mein Abenteuer nun tatsächlich begonnen hat. Aus irgendeinem Grund erwische ich mich dabei, wie ich ‘Let it snow’ pfeife. Ich stelle mich an das Ende des Rastplatzes, strecke meinen Daumen aus, lächele und hoffe darauf, dass irgendjemand anhält. Nach einer Stunde ist es auch schon so weit – Von wegen ‘Trampen in Deutschland ist schwer”kinderleicht war das. Oder auch doch nicht – Der nette junge Mann kam aus Frankreich und war auf dem Weg nach Frankfurt. Weder er, noch ich wussten, ob mir diese Richtung irgendwie weiterhilft. Das Autobahnnetz in Deutschland ist einfach zu komplex. Vielleicht hätte ich doch eine Karte mitnehmen sollen. Ich bedanke mich, wünsche ihm alles Gute und stelle mich wieder auf meinen kleinen Ecken Wiese am Ende der Auffahrt.

Um 3 Uhr passiert etwas interessantes. Ein LKW Fahrer, der ein paar Meter vor mir geparkt hatte, steigt aus seinem Fahrzeug. Er legt ein Stück Pappe und einen Teppich vor sein Fahrerhaus. Ein schattiges Plätzchen, da die Front des LKWs die Sonnenstrahlen verdeckt. ‘Ich schätze er wird gleich etwas an seinem LKW reparieren müssen und vielleicht sollte ich Ihm sogar meine Hilfe anbieten’. Der Gedanke verfliegt jedoch recht schnell, als der LKW Fahrer einen Takke aufsetzt und damit beginnt, in Richtung Mekka zu beten. Ich kann Dir nicht erklären warum, aber ihm zuzuschauen hat mich zum schmunzeln gebracht. Diese kleinen Dinge, die man beim Trampen nicht erwartet, Dinge, die man unter Umständen noch nie im wirklichen Leben gesehen hat. Dies sind diese Momente, die dich beim Trampen auch nach längerer Wartezeit durchhalten lassen. Wir hatten im Anschluss eine kurze Unterhaltung, er wünschte mir viel Glück auf meiner Reise und ich habe mich wieder meinem Daumen gewidmet.

Die nächsten 3 Stunden vertrieb ich mir die Zeit mit tanzen, dehnte mich des öfteren, und versuchte irgendwie die Müdigkeit in meinen Beinen zu bekämpfen. An diesem Punkt, nach ungefähr 6 Stunden, beschloss ich, mein ‘München’-Schild, aus dem mittlerweile bereits ein ‘Mannheim’-Schild geworden war, ganz bei Seite zu legen. “Ich werde in das nächste Auto einsteigen, wo auch immer meine Reise heute Abend hingeht”. In der Tat hielt kurz darauf eine nette Frau an und bot mir an, mich nach Kaiserslautern zu bringen. Kaiserslautern ist die Stadt, in der ich früher studiert habe und lag etwa 25km von meinem derzeitigen Rastplatz entfernt. Ich habe “JA” gesagt und so gab Claudia den Startschuss in mein Abenteuer. Sie hat mich zwar nicht nach München gebracht, stattdessen konnte ich mich erneut von meinen Universitäts-Freunden verabschieden und mit Ihnen ein letztes Bier trinken. Im Nachhinein war dies das beste, das mir an diesem Montag passieren konnte.

Trampen nach Kaiserslautern

Am nächsten Tag, mittlerweile Dienstag, haben mich meine Freunde – nochmal Danke Benne, Danke Leiste – zu einer großen Raststätte, die noch 400km von München entfernt war, gefahren. Es war kalt, windig und sogar etwas regnerisch. Perfektes Wetter zum trampen. Nach ein paar netten Gesprächen war schließlich Kai mein Retter. Er nahm mich 200km Richtung München mit, erzählte mir seine alten Reise-Geschichten und hat meine Vorfreude auf Kanada ins Unermessliche steigern können. Am nächsten Rastplatz rauchte ich eine Zigarette, während ich mich über die Busse voller chinesischer Touristen, die mir in diesem Moment meine Nähe zu München verdeutlichten, amüsiere. Als ich im Anschluss daran Richtung Toilette ging, wurde ich von Clemens angesprochen. “Hey, du erinnerst mich an mein früheres Ich. Komm, ich fahr dich nach München”. Clemens fuhr mich in der Tat direkt ins Stadtzentrum nach München und wir sind dort sogar noch 2 1/2 Stunden in einem Cafe versackt. Es stellte sich heraus, dass Clemens Musik produzierte und nebenbei auch noch dabei ist, sein eigenes Buch zu veröffentlichen. Ich bekam eine exclusive, streng geheime Leseprobe. Eine klassische Tramp-Bekanntschaft.

Momentan sitze ich bei Nina, einer Freundin von früher, die bereits seit ein paar Jahren in München studiert. Da sie an der Bundeswehr Universität studiert und auch hier in einem Wohnheim wohnt, bin ich momentan umgeben von Soldaten. Ich schätze Backpacker sind hier doch recht selten. Aber es ist alles in Ordnung Mom! Alles sehr freundlich. Nina wollte mir einige Tolle Ecken in München zeigen, nur leider macht uns das Wetter einen kleinen Strich durch die Rechnung. 5 Grad und heftiger Regen. Gut, dass ich mir keine dicke Jacke mitgenommen habe! Ich werde mich also schon mal daran gewöhnen, für die nächsten Tage mehrere Schichten T-Shirts zu tragen. Ich bin sowas von bereit für Strand und Sonne!

Wenn ich momentan nach rechts schaue, bietet sich mir dieser Ausblick. Eine Baustelle gepaart mit grauem Himmel und Regen. Aber immerhin bin ich hier in toller Gesellschaft. Am Wochenende soll es wesentlich besser werden, ich werde München wohl also erst gegen Anfang nächster Woche verlassen. Entweder direkt nach Budapest oder zuerst nach Wien als Zwischenstopp. Oder vielleicht auch irgendwo ganz anders hin. Wo auch immer die Straße mich hinführen wird.

München