Loslassen

Die letzte Woche in Leipzig hat mich vor eine große Herausforderung gestellt. Ich habe zugeben müssen, dass mir manche Reisebekanntschaften doch mehr bedeutet haben, als ich mir eingestanden hätte. Genährt von einem kleinen Funken Hoffnung, entfacht der Optimismus schnell ein Feuer, welches zwangsläufig in einem Gefühl gipfelt, von dem man beim Reisen schnellstens Abstand gewinnen sollte. Sehnsucht

Als ich Montagmorgen in Leipzig an meiner Autobahnauffahrt stehe, lasse ich eines meiner Armbänder zurück. Ein Armband, das mich an einen alten Fehler erinnern sollte. Loslassen. Es ist wohl unmöglich, hierfür einen geeigneten Moment zu finden. Daher habe ich mich spontan dazu entschieden, Leipzig zu dem Ort zu machen, an dem ich ein neues Kapitel meiner Reise starten werde. Ein Kapitel, das am Rande einer Autobahn in Tschechien, mit einem nassen Zelt beginnt.

Hitch Hiking Czech

 Leipzig führt mich zu 2 alten Bekannten. 2 Martins. Laut meinem Handy Telefonbuch handelt es sich um ‘Martin Thailand’ und ‘Martin Neuseeland’. Eine Namensgebung, mit der ich verzweifelt versuche, meine Bekanntschaften langfristig zu organisieren. Beide Martins habe ich damals beim Couchsurfen kennengelernt. Wir hatten jeweils den selben Host. Ich wollte 3 Tage in Leipzig verbringen. Am Ende wurden es 8. Der bisher längste Aufenthalt meiner Reise. Nicht wegen der Stadt selbst, sondern wegen der Vielzahl fantastischer Menschen, die ich in der letzten Woche kennenlernen, beziehungsweise wiedersehen durfte.

Leipzig Skyline Panorama

Ein kurzer Blick auf die Gästeliste. +1, abgehakt. Hohe Decken, die das Anwesen wie eine Villa wirken lassen. Decken, die ich so damals in Georgien öfters gesehen habe. Ich schätze hierzulande hat man weniger Probleme, die riesigen Räume im Winter aufzuheizen. Oberflächliche, tiefgründige und blödsinnige Gespräche geben sich die Klinke in die Hand. “Ja, am Nordkap war es kalt”, “Allen Göttern den gleichen Namen zu geben halte ich für eine großartige Idee”, “Ist noch Alkohol da?”. Ich sitze auf einem warmen Holzboden in einer Stellung, die mir vom Meditieren in Myanmar noch gut in Erinnerung geblieben ist. Das mit Kerzen ausgeleuchtete Wohnzimmer bereitet Bühne für einen englischen Solo-Musiker. Im Wechsel präsentiert er seinem 50 köpfigen Publikum selbst geschriebene Songs auf seiner Gitarre und seinem Banjo. Das Reißen einer der Banjo Saiten gegen Ende des Konzertes verschafft mir dazu Luft, eben diese in der Küche durch Rauch zu substituieren. Ich spüre ein angenehm warmes, fast weihnachtliches Gefühl auf meiner Brust. Der erste Glühwein für diesen Winter.

Universität leipzig

Ein Treffpunkt, der markanter nicht hätte sein können. Die Fassade einer alten Kathedrale, welche in einen modernen Universitätskomplex integriert worden ist. Der Vergleich mit meiner damaligen Universität lässt mich schmunzeln. Martin, mit dem ich damals 2 Wochen in Neuseeland verbracht habe, führt mich durch den Osten von Leipzig. Sein Auftreten in einem langen, grau gefärbten Frauenmantel aus einem Second Hand Shop, in Verbindung mit seinen blonden, lockigen Haaren, lassen ihn in meinen Augen wie einen jungen Klaviervirtuosen wirken. Die teils vergessenen Geschichten aus Neuseeland wissen uns zu unterhalten. Ein vergessenes Bandana, mit dem Martin damals versuchte, seine Haare zu bändigen. Ein Kopftuch, das mich derart inspirierte, dass ich im Anschluss an Neuseeland meine restlichen 5 Monate in Asien mit Bandana verbracht hatte. Ein Bandana, das heutzutage auf meiner Reise-Kommode zu Hause einen neuen Platz gefunden hat und mich dort bereits des Öfteren nostalgisch gestimmt hat.

Neuseeland Backpacking

Hämmer, die auf Stahl krachen, gelegentliche Alarmsirenen und wild umher schreiende Menschen sorgen für eine bedrohliche Geräuschkulisse. Ein alter Gasspeicher, der heute mit einem eindrucksvollen 360 Grad Panorama Besucher aus ganz Deutschland anzieht. Ein 360 Grad Gemälde auf runden Wänden schaffen die Illusion eines dreidimensionalen Ausblickes. Einen Ausblick auf eine längst vergessene Tragödie. Den Untergang der Titanic.

Titanic Panorama Leipzig 360

Ein erfolgloses Pokerturnier, in den Händen der Spieler umherwandernde Joints und Sternburger Pils enden für mich mit einer Nacht auf einer fremden Couch. Der darauffolgende Samstag führt uns und meine neuen Bekanntschaften zu einer WG Party. Eine Party, auf der ich mich verliebe. Im Laufe des Abends werde ich für meine neue Begleitung mehrere Komplimente erhalten und wir enden gemeinsam mit Eric, einem von Martins Freunden, in den frühen Morgenstunden auf der weißen Couch unserer Gastgeber. Wir sind die letzten Überlebenden. ‘Home, let me come home, home is wherever I’m with you‘, schallt es aus den Lautsprechern. Erinnerungen..loslassen.. Ich nehme Abschied von meiner kurzweiligen Abend-Begleitung und hänge das Hemd des Gastgebers zurück in seinen Kleiderschrank. Es ist Zeit heim zu gehen.

Leipzig WG Party

Martin bin ich damals in Chiang Mai, Thailand begegnet. Wir haben beide bei 2 wundervollen Thailänderinnen in einem abgelegenen Haus übernachtet. Beide wesentlich länger als ursprünglich angedacht. Passend, dass ich meinen Aufenthalt in Leipzig für mehrere Tage verlängert habe. Der gemeinsame Aufenthalt damals hat mich nicht nur das erste Mal mit Kartentricks in Kontakt gebracht, er hat auch schon mehrmals dafür gesorgt, dass ich beim ‘Never have I ever‘ spielen trinken musste. Eine unbeschwerte Zeit, die wir beide vermissen. Es fällt nicht leicht, von der Sucht nach dem Reisen, der Sucht nach dem Aufregenden, der Sucht nach dem Adrenalin, loszulassen. Etwas, das mir damals glücklicherweise nicht gelungen ist. Etwas, das mir früher oder später jedoch auch bevorstehen wird. Loslassen.

Thailand Backpacking

Leipzig Couchsurfing

Loslassen. Ein Gefühl, das im ersten Moment meist traurig stimmt. Gleichzeitig fühlt es sich jedoch so an, als wäre mein Rucksack nun spürbar leichter. Jeder Mensch hat einen Einfluss auf einen anderen. Die Gewissheit, diese Personen positiv beeinflusst zu haben, geholfen zu haben oder gar verändert zu haben. Ein Gefühl, das mir das Loslassen einfacher gemacht hat. Und dennoch wird es einige Zeit dauern, bis die Trauer den glücklichen Erinnerungen Platz machen wird. Eine Zeit, an der Menschen gerne zerbrechen. Eine Zeit, in der mir meine Freunde in Leipzig sehr geholfen haben, ohne dies überhaupt zu wissen. So unterschiedlich sind sich dein und mein Leben gar nicht. Wir haben beide gute Tage und wir haben schlechte Tage.

Du wirst schlechte Zeiten haben, aber diese werden dich immer an die guten Dinge erinnern, denen wir viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Robin Williams

LosGElassen.