Grüne Lichter

Das dezente Rauschen des Meeres. Wind, der die äußere Hülle meines Zeltes flattern lässt. Das Klicken einer Thunfischdose, mein Abendessen. Ich öffne den Reißverschluss meines Zeltes, das Schauspiel beginnt.

Grüne Farben, die sich am Firmament ausbreiten, als wäre ein Maler gerade damit beschäftigt, den Himmel in ein Kunstwerk zu verwandeln. Lichter, die plötzlich anfangen mit mir zu tanzen. Wie ein kleines Kind, das darum bettelt, mit mir zu spielen. Ein Schauspiel, für das ich keine Worte finden kann. Schönheit, die mich beinahe zu Tränen rührt. Während ich voller Neugierde meinen Blick in Richtung Sterne richte, muss ich unweigerlich an die letzten 3 Wochen zurückdenken. An das Zittern beim Trampen im Schnee, an durchnässte Nächte unter Brücken, an Tage, die mich zweifeln gelassen haben, an all die Menschen, die mir in den letzten 3 Wochen geholfen haben. All diejenigen, die diesen Moment ermöglicht haben. Ich habe es geschafft, ich stehe nördlich des Polarkreises und bewundere die erste Aurora Borealis meines Lebens.

Ich bestaune grüne Lichter.

Nordlichter Norwegen

12 Stunden vor diesem Ereignis, verlassen wir Anitas Haus 400 Kilometer weiter südlich. Da sie selbst oft am Trampen ist, kennt sie unzählige LKW Fahrer. Es fällt ihr nicht schwer für mich und Daniel je einen Truck zu organisieren. Eine 7 Stündige Fahrt, die mich erneut vorbei an malerischen Landschaften führt.

Trampen in Norwegen

Trampen in Norwegen

Als unsere Fähre gegen 4 Uhr in der Nähe der Lofoten anlegt, trennen sich unsere Wege. Ich stehe erneut an der Straße und werde kurz später von einem 25 jährigen Jungen aus dem Irak mitgenommen. Eine Frage, deren Antwort mich verstummen lassen wird. “Wie ist deine persönliche Erfahrung bezüglich Fremdenfeindlichkeit in Norwegen, habt ihr viele Probleme gehabt?”, frage ich Sultan, der for 10 Jahren mit seiner Familie nach Norwegen geflüchtet ist. Ein kurzes Seufzen. “Um ehrlich zu sein, der Grund warum ich gerade unterwegs zu meinen Eltern bin ist ein Telefonat, das ich heute morgen mit meiner Mutter geführt habe. Meine kleine Schwester hat heute Morgen Selbstmord begangen, da sie das Mobbing in der Schule nicht ertragen konnte”. Ich verabschiede mich mit einer Umarmung und finde mich 5 Minuten später in einem neuen Auto wieder. Mein neuer Lift ist unterwegs zum Krankenhaus. Seine Frau erwartet ein Kind. Leben und Tod liegen manchmal sehr nahe beieinander. 

In dieser Nacht wird es soweit sein. Ich werde meine ersten Polarlichter sehen. Ich werde mit dem Gefühl einschlafen, es geschafft zu haben. Stolz. Ein paar Stunden später werde ich in meinem Zelt aufwachen und feststellen, dass die Reißverschlüsse meines Zeltes zugefroren sind. Unerbittliche Kälte ist der Preis für die Polarlichter. Ein Preis, den ich gewillt zahle. Die aufgehende Sonne um 9 Uhr hilft und lässt uns voller Freude in den ersten Tag auf den Lofoten starten.

Lofoten Camping Norwege Kalle

Es ist Samstag, unser dritter Tag auf den Lofoten. Der Tag beginnt wie fast jeder Andere in den letzten 3 Wochen. Mein Alarm weckt mich um 8 Uhr, die Kälte lässt mich jedoch weitere 30 Minuten in meinem Schlafsack verharren, bevor ich meinen Zelteingang öffne. Frühstück, das aus einer Banana, Brot, Erdnussbutter mit Marmelade und Nutella besteht. Ein Sonnenaufgang, der etwas Wärme spendet. Ich würde im Nachhinein behaupten, dass dieser Samstag der bisher atemberaubendste Tag auf meiner Skandinavien-Reise werden wird. 

Reinebringen ist der Name des Hikes, den wir uns für diesen Morgen vorgenommen haben. Offiziell ist die Route momentan gesperrt, da es in den letzten Jahren vermehrt zu Todesfällen kam. Eine Tatsache, die uns nicht davon abhält, den Berg zu besteigen. Eine Tatsache, die uns die Aussicht fast gänzlich ohne andere Touristen bestaunen lässt. Eine Aussicht, die ich mit wunderschön betiteln würde.

Reinebringen Norwegen Hike

Als wir nach unserem Hike im einheimischen Supermarkt unsere Essensvorräte aufstocken, werden wir mit Kaffee und Kuchen begrüßt. Einer der Mitarbeiter hat heute Geburtstag. Dies sollte euch eine Idee davon geben, wie klein die einzelnen Dörfer auf den Lofoten tatsächlich sind.

Einen Lift später erreichen wir unser Tagesziel, ein nahe gelegener Strand, von dem wir erneut die Polarlichter bestaunen wollen. Der Tag endet wie fast jeder Andere in den letzten 3 Wochen. Ein Abendessen, das aus Brot und Fisch aus Dosen besteht. Aufgelockert werden diese repetitiven Mahlzeiten durch verschiedene Sonderangebote, auf die wir ab und an stoßen. Diesmal sind es Mandarinen. Ein wenig später geht die Sonne unter und wir erblicken gegen 8 Uhr die ersten grünen Lichter. 

Camping Lofoten Norwegen

Polarlichter Lofoten Norwegen

Unterkühlt und etwas enttäuscht vom heutigen Schauspiel, ziehen wir uns gegen 9 Uhr in unsere Zelte zurück. Ich will nicht aufgeben und stelle mir einen Alarm für 11 Uhr. Zögerlich schleppe ich mich aus meinem Zelt in die eisige Nacht, als ich pünktlich vom sanften Klang meines Smartphones geweckt werde. Die grünen Lichter strecken sich unverändert über den Himmel. Aber meine Geduld soll sich auszahlen. 40 Minuten später beginnt das Spektakel und für ungefähr 3 Minuten halte ich die Luft an. Ein Spektakel, dass jenes des ersten Tages weit in den Schatten stellen wird. Ein Spektakel, dass genauso schnell endet, wie es begonnen hat.

Das wohl beeindruckendste Naturschauspiel, das ich in meinem Leben jemals gesehen habe.

Nordlichter Lofoten Norwegen

Nordlichter Lofoten Norwegen

Unser letzter Hike auf den Lofoten wird uns zu einem abgelegenen Strand führen, an dem wir die Nacht in unseren Zelten verbringen werden. Ich schätze, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits genug Worte über die Schönheit Norwegens verloren habe. Daher will ich schlicht die Bilder für sich sprechen lassen.

Hiking Lofoten Norwegen

Hiking Lofoten Norwegen Kvalvika

Kvalvika Sonnenuntergang Norwegen

Gestern haben wir die Lofoten verlassen. 3 Lifts haben uns nach Narvik gebracht. Zu einem Host, der uns von einem unserer vorherigen Lifts vermittelt wurde. Die erste Dusche und warme Mahlzeit seit 5 Tagen sind eine willkommene Abwechselung. Eine Bettdecke und ein Platz auf der Couch fühlen sich wie ein Hilton Hotel an.

Mein Ziel ist erreicht. Ich habe es zu den Nordlichtern geschafft. Nun beginnt die Kür. 12 Stunden Autofahrt trennen mich vom Nordkap. Es soll in den nächsten Tagen anfangen zu schneien. Ich bin gespannt, was der Rest meiner Norwegen Reise für mich bereithält, aber eines ist sicher. Ich freue mich bereits darauf, in ein paar Wochen wieder in meinem warmen Bett zu Hause aufzuwachen.

Ohne zugefrorene Reißverschlüsse, ohne Nutella und ohne Schlafsack.