Dakuna

Ein klassisches D, ein simples a, ein großes, geschwungenes k, ein altertümlich anmutendes u, ein fettes, lächelndes n und ein mit einem Herz verziertem a. Dakuna. Was auf den ersten Blick wie eine willkürliche Aneinanderreihung von Buchstaben erscheinen mag, hat in Wirklichkeit eine weit tiefgründigere Bedeutung. Die verschiedenen Schriftarten begründen sich damit, dass ich vor meiner Abreise je einen Buchstaben an meine Familie und engen Freunde verteilt haben. Jeder hat selbstständig seinen individuellen Buchstaben gestaltet. Eine eigenartige Mischung, eine einmalige Mischung

Aber was hat es mit Dakuna auf sich? Jene die mich persönlich kennen wissen, dass dies nicht mein Nachname ist. Stattdessen bezieht sich mein ‘Reisename’ auf das Motto, unter dem ich unterwegs bin. Hakuna Matata. Mach dir keine Sorgen. Die letzte Woche war selbst für mich eine recht neue Erfahrung. Keine über Couchsurfing organisierte Hosts, schwierige Witterungsbedingungen und extreme Preise. Eine Herausforderung. Genau das, wonach ich gesucht habe. Aber hey, Hakuna Matata – Alles ist in Ordnung!

Kurze, nach hinten geföhnte, blonde Haare, Wanderschuhe, die auf einen erfahrenen Reisenden hindeuten. Ein Rucksack, der auf einen blutigen Anfänger schließen lässt. Ein Gesicht, dem meine Großmutter binnen Sekunden vertrauen würde, ein Name, den ich mir nicht leichter hätte merken können. Daniel. Er bedeckt sein Gesicht mit einer, wie man es im heutigen Fachjargon nennen würde, Pilotensonnenbrille. ‘Hey, zieh sie aus, Leute wollen dein Gesicht sehen’. Manchmal fühle ich mich wie ein Mentor. Ein alter Hase, der einem 19 jährigen Engländer auf seiner ersten Hitch Hiking Reise unterstützt. Ein Begleiter, den ich in in Kopenhagen kennengelernt habe. Ein Freund, mit dem ich zusammen zum Nordkap trampen werde. Eine willkommene Abwechslung zu all den Kurzgeschichten. 

Unsere erste Nacht. Eine Nacht unter einem mit Sternen bedeckten Himmel, umgeben von einer aufbrausenden Geräuschkulisse. Eine Nacht, inmitten eines Dschungels. Einem Beton-Dschungel. Der Lärm vorbeifahrender Fahrzeuge und grell leuchtende Werbetafeln substituieren die Geräusche von Grillen und ein Meer aus Sternen. Eine Nacht, ohne das klassische Versteckspiel. Wildcampen in Schweden ist legal. Zumindest in der Theorie.

Campen in Schweden

Engel. Es ist nicht der Erster und wird auch nicht der Letzte sein, dem ich auf dieser Reise begegnen werde. Kein Halleluja, kein 1200 Kilometer Lift nach Deutschland, sondern eine schlichte Frage. ‘Habt ihr es eilig?‘. Victoria, eine 23 jährige Schwedin mit glattem, dunklen Haar, bietet uns an, gemeinsam die Westküste von Schweden zu erkunden. Ihr grauer Peugeot führt uns von Dorf zu Dorf, vorbei an atemberaubenden Inselgruppen. Begleitet von einer CD voller alter Rock-Songs. How you remind me, Songs, bei denen ich mich alt fühle. Songs, die mir bewusst machen, dass ich tatsächlich alt bin.

Westküste Schweden

Westküste Schweden

Westküste Schweden

Victoria war unterwegs zu ihrem Sommerhaus. Ein Strandhaus in einem kleinen Dorf, nahe der norwegischen Grenze. Wie selbstverständlich bietet uns Victoria an, sie zu begleiten und die Nacht gemeinsam in ihrem Ferienhaus zu verbringen. Ein wahrhafter Engel. Menschen übertreiben oft, Victoria entscheidet sich für das Gegenteil. Ein ruhiges Sommerhaus war eine nette Untertreibung. Ich habe selten ein derart abgelegenes, idyllisches Apartment gesehen. Vor dem Schauspiel der untergehenden Sonne spielen wir ‘Never have I ever’. Ich war noch nie richtig verliebt. Ich bin der Einzige der trinkt. Ein langer Schluck aus meiner Bierflasche. Nächste Frage. 

Trampen in Schweden

Trampen in Schweden

Ich möchte mich für meine Landsleute entschuldigen – Steigt ein‘. Eine interessante Angewohnheit. Gefühlt redet jeder zweite Fahrer redet schlecht über seine Mitbürger. Ob dies verwerflich ist? Vermutlich schon. Ob ich gut über Deutsche reden würde, nachdem ich 2 durchnässte Tramper am Rande einer Tankstelle eingesammelt hätte? Wahrscheinlich nicht. Er bietet Daniel eine Couch an, ich werde meine 2 Nächte in Oslo bei Monika verbringen.

‘Ein anderes Leben’ nennt es die 25 Jährige Norwegerin. Ihre schlanke, trainierte Figur erinnert an ihre ehemaligen Cheerleading-Zeiten, das Zusammenspiel ihrer langen, blonden Haare und ihrer Körpergröße, lassen auf Skandinavien schließen. Ich habe Monika vor 3 Jahren während meines Auslandssemesters in Australien kennengelernt. In der Tat ‘ein anderes Leben’. Es fühlt sich gut an, in alten Erinnerungen zu schwelgen. Seit unserem ersten Treffen haben sich unsere beiden Leben in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt, 2 Richtungen, die uns 3 Jahre später in Oslo zusammengeführt haben. Eine Umarmung, eine letzte Schreicheleinheit für Rio, Monikas Hund, und die Gewissheit, dass ich mich in innerhalb der letzten 3 Jahre sehr verändert habe.

7 Stunden. 5 Kilometer. Unser erster Lift bringt uns von einer durchschnittlichen Tankstelle zu einem, in Theorie, großartigen Spot. Wenn da nicht eine riesige Baustelle wäre. Ich und Daniel werden im Laufe dieses Dienstages insgesamt 10 Kilometer wandern, wir werden uns von Hitch Hiking Spot zu Hitch Hiking Spot begeben. Erfolglos. Wir erreichen unseren letzten Spot um 6 Uhr abends. Wir sind kurz davor aufzugeben, reden bereits über unser Abendessen und überlegen, wo wir am besten unsere Zelte aufschlagen werden. Victoria soll jedoch nicht der einzige Engel sein, der uns in dieser Woche begegnen wird.

Frode, ein 39 jähriger Norweger, dessen äußere Erscheinung an David Guetta erinnert. Er mag diesen Vergleich nicht, zieht ihn jedoch dem mit ‘Kid Rock’ vor. Frode und seine 16 jährige Tochter begleiten uns 280 Kilometer und laden uns in ihr Zuhause ein. Frode ist der Chef eines norwegischen Modelabels und hat außerdem eine Schwäche für ungesunde Pizza. Eine Schwäche zu unserem Gunsten. Typisch für Menschen, die in dieser Region leben, besitzt auch Frode ein eigenes Boot, mit dem er uns am Morgen zum Fischen einlädt. 3 Krabben, ein Regenbogen und eine effektive Art, meine langen Haare nach einer Dusche am Morgen zu trocknen.

Trampen in Norwegen

Trampen in Norwegen

Als uns Frode gegen 11 Uhr an einem Kreisel nahe der Autobahnauffahrt absetzt, drückt er mir einen 100 Kronen (ca 11 Euro) Geldschein in die Hand. Er will uns dabei helfen, die kommenden Fährfahrten zu bezahlen. Wir bedanken uns und verabschieden Frode demütig. Unser Weg in Richtung Stavanger führt uns über diverse Landstraßen, er führt uns durch unzählige Regenschauer, er führt uns durch wunderschöne Kulissen und er endet an einer Tankstelle auf halbem Weg. Regen, der an an einen Monsun erinnert, macht das Trampen unmöglich. Während wir uns in der Tankstelle aufwärmen bemerke ich einen älteren, sympathisch wirkenden Mann, der am Nachbartisch seine Energiereserven mit Kaffee und überteuerten Burgern auffüllt. ‘Sie fahren nicht zufällig nach Stavanger?‘ frage ich ihn um 19:30 Uhr. 5 Minuten später sitzen wir in seinem Bus. Ein weiterer Last Minute Lift. Martin fährt uns weitere 120 Kilometer. Wir erreichen unser Ziel um 10 Uhr Abends.

Trampen in Norwegen

Ich und Daniel sind heute morgen in unseren Zelten an einem See im Stadtzentrum aufgewacht. Regen. Ein plötzlicher Schauer während dem Abbauen unserer Zelte hat dafür gesorgt, dass so ziemlich unser gesamtes Gepäck nass ist. Hakuna Matata. Wir werden den heutigen Regentag in einem Burger King aussitzen und morgen in Richtung Nationalpark weiterreisen. Laut Wetterbericht soll es zudem sonnig werden. Hoffentlich, da wir unsere Zelte möglichst schnell trocknen müssen. Wir hatten in den letzten Tagen unglaubliches Glück. Glück, das mich positiv in die Zukunft blicken lässt. Glück, das wir auf den restlichen 2500 Kilometern bis zum Nordkap brauchen werden.

Gestern habe ich mir den Geldschein von Frode genauer angeschaut. Meine erste, norwegische Banknote. Dabei habe ich bemerkt, dass er uns nicht 100, sondern 1000 Kronen gegeben hat. Ungefähr 110 Euro. Ich habe vor kurzem die 20.000 Kilometer Marke geknackt. Dies bedeutet, dass ich bereits um die halbe Erde getrampt bin. Trotzdem gibt es Momente beim Trampen, die mich nach wie vor sprachlos machen. Menschen, deren Großzügigkeit mich fast zu Tränen rührt… Engel. Menschen, die ich hoffentlich irgendwann in meiner Strandbar wiedersehen werden.

Eine Strandbar mit dem Namen Dakuna.