Lebensretter

Es ist Samstag. Ein besonderer Samstag. Wir wachen unter dem Dach einer Laderampe des lokalen Supermarktes auf. Ein Zeltplatz, den wir vom Leiter des Geschäfts am Vorabend angeboten bekommen hatten. Ein Zeltplatz, der uns durch seine Überdachung trotz Unwetter einigermaßen gut schlafen lässt. Der Tag beginnt mir einem einzigartigen Frühstück. Pfannkuchen mit Nutella und Avocado. Essen, das wir in der Mülltonne des Supermarktes gefunden haben. Eine Mülltonne, die für uns an diesem Freitagabend eine Schatztruhe darstellte. Ein Schatz, der mich traurig stimmte. Nahrung, die unnötig weggeworfen wird, Nahrung, die verschwendet wird.

Auf ein außergewöhnliches Frühstück folgt eine gewöhnliche Situation. Wir stehen an der Straße. Der plötzlich eintretende Schneefall lässt uns frieren, wirkt aber gleichzeitig passend. Uns trennen nur noch 30 km vom Nordkap, heute ist der Tag, an dem wir unser Ziel erreichen werden. Der Tag, auf den wir in den letzten 5 Wochen hingearbeitet haben.

3 Tage zuvor starten wir unsere finale Etappe in Narvik, 11 Stunden Autofahrt vom Nordkap entfernt. 2 Lifts bringen uns unserem Ziel um 4 Stunden näher, aber es wird unser dritter Lift sein, der uns den Abend rettet. Duffy setzt uns um 4 Uhr an einer Bushaltestelle ab und bietet uns einen Schlafplatz für die Nacht an. Ein Angebot, das wir 1 Stunde später annehmen wollen, wäre da nicht ein Problem. Wir haben keine genaue Adresse. Lediglich einen Spitznamen und die Farbe seines Wagens. Es ist eine spärlich besiedelte Landstraße, die sich entlang des Fußes eines Berges schlängelt. 90 Minuten Fußmarsch später müssen wir uns eingestehen, dass wir Duffy so nicht finden können. Wir beginnen damit, an Häusern zu klingeln. Manche Türen bleiben verschlossen. Der Anblick zweier Backpacker, die im Schutz der Dunkelheit in dieser Gegend unterwegs sind und die Autos auf verschiedenen Grundstücken gründlich inspizieren, wirkt scheinbar zu verdächtig. Glücklicherweise nicht auf alle. 

“Hey, das mag vielleicht komisch klingeln aber wir sind auf der Suche nach jemandem, der hier in der Nähe wohnen muss. Sein Spitzname ist Duffy, er ist ungefähr 45 Jahre alt, fährt ein altes Auto und ist Liverpool Fan.” Verdutzte Blicke und gemeinsames Lachen. Bei unserem dritten Versuch werden wir fündig. “Duffy, ja den kenne ich! Ein klasse Kerl. Steigt ein, ich bringe euch zu seinem Haus”. Er empfängt uns mit einem Abendessen und lässt uns wenige Minuten später in seiner Wohnung alleine, da er zum Sport unterwegs war. Blindes Vertrauen, das mich von einer Welt ohne Ängste und Misstrauen träumen lässt. Duffy gewährt uns heute Nacht Unterschlupf bei -6 Grad, Duffy ist unser erster Lebensretter auf dieser finalen Etappe.

Trampen in Norwegen

Trampen in Norwegen

Glück, das mich am Folgetag verlassen wird. Ich und Daniel trenne uns an einer Tankstelle, nachdem er von einem LKW Fahrer einen 2 Stunden Lift nach Alta angeboten bekommt. Ich habe weitere 5 Stunden Zeit, bis die Tankstelle schließt. 5 Stunden, in denen ich sämtliche Personen anspreche. 5 Stunden, die am Ende nicht genug sein werden. An manchen Tagen fehlt einfach das letzte Quäntchen Glück, sage ich mir. Als sich mir etwas später jedoch die Polarlichter ein letztes Mal auf dieser Reise offenbaren werden, bin ich fast glücklich, diese Nacht unter dem freien Himmel verbringen zu können.

Norwegen Camping Polarlichter

Am nächsten Tag treffe ich Daniel am Ausgang von Alta wieder. Ein langer Lift eines leidenschaftlichen Liverpool Fans und Julian, ein in Norwegen aufgewachsener Deutscher. Der junge Deutsche mit Emo Haarschnitt und Iron Maiden T-Shirt bringt uns nach Honningsvag, die letzten Stadt vor dem Nordkap. Er setzt uns an dem Supermarkt ab, an dem wir heute Nacht campen werden und verabschiedet sich mit 2 Dosen Bier. 2 Dosen, die wir auf ihn am Nordkap trinken sollen.

Es ist Samstag. Wir verbringen 3 Stunden am Straßenrand und trotzen sich abwechselnden Regen- und Schneeschauern. Unsere durchnässte Kleidung und starker Wind fordern uns heraus. Unsere finale Herausforderung. Die Tatsache, dass zur derzeitigen Jahreszeit keine Touristen unterwegs sind und Einheimische nicht zum Nordkap fahren, lässt unseren letzten Hitch Hike nahezu unmöglich erscheinen. Ein Jäger willigt schließlich ein, uns unserem Ziel etwas näher zu bringen. Nun stehen wir mitten im Nirgendwo. Es schneit weiterhin und laut einem Straßenschild, trennen uns noch 13 Kilometer von unserem Ziel. Verzweifelt entscheiden wir uns dazu, dem Schneesturm zu trotzen und zu laufen. Um ehrlich zu sein, haben wir auch nicht wirklich eine Wahl. Plötzlich erblicken wir ein sich uns näherndes Fahrzeug. Hoffnung. Hoffnung, die sich in den meisten Fällen als vergebens erweist. 

Ein weiterer Lebensretter. Eine deutsche Familie, die uns trotz vollem Auto auf die Rücksitze quetscht. Unser letzter Lift in Richtung Norden. Wir erreichen gemeinsam eine kleine Hütte samt Schranke, die uns und den Nordkap Globus trennt. 25 Euro Eintritt lassen uns und die deutsche Familie in Lachen ausbrechen. Wir haben in den letzten 5 Wochen über 3000 Kilometer getrampt, stets mit dem Ziel, ein Bild vor dieser gottverdammten Nordkap Statue zu schießen. Ich umarme Daniel, wir lachen voller Stolz es geschafft zu haben, wir lachen über die Höhe des Eintrittspreises. Wir erkennen recht schnell, dass es niemals um die Globus-Statue ging. Es ging um die Herausforderung und wir haben sie gemeistert. Statt einem metallenem Globus, dient uns das Nordkap Kassenhäuschen als Foto-Motiv.

Trampen zum Nordkap

Die deutsche Familie weigert sich ebenfalls, den überteuerten Eintritt zu zahlen. Glücklicherweise, denn so können sie uns einen weiteren Lift zurück nach Honningsvag geben. Wir sind zurück an unserem Ausgangspunkt, dem Supermarkt, an dem wir die letzte Nacht verbracht hatten. Wir feiern diesen Samstag mit Julians Bier, Süßigkeiten und versuchen unsere Kleider allmählich im Inneren des Supermarktes zu trocknen. Wir werden den Rest des Tages an diesem Ort verbringen und unsere Zelte erneut an der Laderampe aufbauen. Eine kurze Pause, die wir uns verdient haben. Eine kurze Pause, die mich und Daniel übereinstimmen lässt. Wir wollen so schnell wie möglich raus aus Skandinavien, raus aus der Kälte.

Camping Norwegen nordkap

Ein Vorhaben, das von den kürzer werdenden Tagen sichtlich erschwert wird. Momentan geht die Sonne um 2 Uhr Mittags unter. Auf unserem Weg zu einem geeigneten Tramp Spot hält plötzlich ein Auto an. “Du bist es wirklich“, gefolgt von einer Umarmung. 2 Frauen aus meiner Heimat, die meinen Blog verfolgen. Leider werden die Beiden eine weitere Nacht in Honningsvag verbringen und können uns daher keinen Lift geben, dennoch lässt mich diese Begegnung mit einem Lachen in den Tag starten. Ein Lachen, dass mir in den nächsten 4 Stunden fast vergehen wird, doch Kay erlöst uns und hält am Ende eines Tunnels für uns an. Ein Tunnel, der uns Schutz vor einem plötzlichen Schneesturm gewährt hatte. Das Wetter am Nordkap ändert sich sehr schnell. Mit im Auto sitzt ein Franzose names Loick. Ein Couchsurfer. Wir verbringen die Nacht gemeinsam in Kays Ferienhaus und werden am Folgetag von Loick, der in seinem Auto am Reisen ist, 400 km nach Nordschweden mitgenommen.

Sonnenuntergang Nordkap

Unsere Wege trennen uns sich in einem 400 Seelen Dorf. Die frühen Nächte machen das Trampen unmöglich und lassen uns in einer Pizzeria Unterschlupf finden. Ein naiver Gedanke hat uns in eine unangenehme Situation gebracht. In Richtung Süden wird es schon wärmer werden. Falsch. Am Nordkap hatten wir Temperaturen von -3 Grad. Hier, in Nordschweden, sind an diesem Abend -15 Grad vorhergesagt. Hoffnung auf einen weiteren Lift hält uns am Leben, unsere Campingausrüstung wird es bei diesen Temperaturen nur notdürftig. Wir haben Glück. Ein junger Minenarbeiter, ein weiterer Daniel, ein weiterer Lebensretter. Er nimmt uns 400 Kilometer in Richtung Süden mit und er kann es nicht verantworten, uns bei diesen Temperaturen im Zelt schlafen zu lassen. -17 Grad zeigt sein Auto an. Daniel telefoniert mit seiner Freundin und deren Vater organisiert uns einen Schlafplatz. Sein Restaurant, das über den Winter geschlossen ist, wird uns an diesem Abend warm halten. Ein Restaurant, dass sich auf dem Polarkreis befindet. Eine Touristenattraktion im Sommer, ein Geisterhaus im Winter. 

Nicht jedoch an diesem Abend. Laute Rockmusik aus meinem Reiselautsprecher, heißer Kaffee und 2 nackte Männer in der hauseigenen Sauna. Ich und Daniel können unser Glück kaum fassen. Der Restaurantbesitzer überreicht uns außerdem eine Urkunde, bevor er uns in seinem Anwesen alleine lässt. Eine Polarkreis Urkunde, die er normalerweise Touristen verkauft. “Wer zur Hölle soll uns diesen Wahnsinn glauben”, frage ich Daniel und er antwortet mit einem Schulterzucken unter lautem Gelächter. Die Statue, die wir am nächsten Morgen neben dem Haus entdecken, lässt das Ganze fast wie Schicksal wirken. Wir haben den Globus am Nordkap verpasst, erhalten nun jedoch ein fast identisches Bild am Polarkreis.

Polarkreis Norwegen

Polarkreis Norwegen

Halloween

Ein 65 jähriger Unbekannter bringt uns zu einem Tunnelsystem, das früher als Schutzbunker zu Zeiten des Krieges gedient hat. Er schließt mit einer Schrotflinte in der Hand die Gittertür hinter uns zu. Eine nettes Horrorszenario, oder? Ein Szenario, das in dieser Halloween Nacht zur Realität werden wird.

Daniel Nummer 3 setzt uns am 31. Oktober 200 Kilometer südlich vom Polarkreis an einer Autobahn ab. Ein denkbar schlechter Hitch Hiking Spot. Nachdem wir 2 Stunden vergeblich versuchen, ein Fahrzeug anzuhalten, machen wir uns auf den Weg zu einer Tankstelle. Innerhalb von 5 Stunden werden wir insgesamt 20 Kilometer wandern, bis wir schließlich an einer offenen Tankstelle ankommen. Eine denkbar schlechte Tankstelle. Um 8 Uhr bietet uns einer der Mitarbeiter an, uns zu einer 24 Stunden Tankstelle in der Stadt zu fahren. Unterwegs wird die Achse des Autos brechen und wir werden die letzten Kilometer erneut zu Fuß unterwegs sein. Es ist einer dieser Tage. Ein denkbar schlechtes Halloween. Doch dann nimmt der Abend eine unerwartete Wendung. Ein Mann names Bengtake bietet uns an, in seinem Büro zu schlafen. Ein Büro, das die perfekte Halloween Unterkunft darstellen wird, eine Geschichte, die man mit gutem Gewissen als ‘unglaublich‘ betiteln kann.

Bengtake öffnet ein großes Gittertor, das an ein altes Gefängnis erinnert. Ich und Daniel schauen uns skeptisch an und betreten das Tunnelsystem. Unser Host führt uns zu einer Tür, die der Eingang zu seinem Büro ist. Es stellt sich heraus, dass er ein Hotel auf dem Berg, unter dessen wir uns gerade befinden, bauen will. Die Pläne und Modelle bedecken sämtliche Ablageflächen seines Büros. “Fällt es schwer, einen Investor für ein solches Projekt zu finden”, frage ich und werde mit einer unerwarteten Antwort konfrontiert. “Ich hatte einen Investor, aber er wurde umgebracht”… kurze Stille… was zur Hölle.. “Die Amerikaner haben meinen Investor vor 6 Jahren getötet. Ich war ein Geschäftspartner von Gaddafi, ich hatte ihn ein paar Monate vor seinem Tod im mittleren Osten besucht”. Bengtake wünscht uns etwas später eine angenehme Nacht, schnappt sich seine Schrotflinte, die neben seinem Schreibtisch angelehnt an die Bürowand stand, und verlässt das Tunnelsystem. Der Klang der schweren Stahltür, die hinter ihm zufällt, lässt mich und Daniel laut loslachen. Und erneut. Ein ungewöhnlicher, aber wahrer Lebensretter, wie er an Halloween nicht passender hätte sein können.

Wer zur Hölle soll uns diesen Wahnsinn glauben?

Trampen in Schweden

lala

Trampen in Schweden

Zugegebenermaßen sind wir Beide etwas erleichtert, als Bengtake am nächsten Morgen tatsächlich auftaucht und uns zu einer Tankstelle fährt. An dieser Raststätte werden Daniel und ich uns erneut trennen und uns 2 Tage später 1500 Kilometer weiter südlich in der Nähe von Malmö wiedertreffen. Es ist Freitag, als ein Schwede uns anbietet, ihn zu einer Fähre im Süden zu begleiten. Wir verlassen Skandinavien genau 6 Tage, nachdem wir am Nordkap angekommen waren. Eine Fähre, die mich nach Rostock führt. Ein Hafen, an dem mich Martina in ihrem Auto erwartet. Eine Anwältin, die ich in Jordanien kennengelernt habe. Eine Freundin, die mich in den letzten Tagen beherbergt hat, bevor ich morgen weiter in Richtung Berlin trampen werde.

Wir haben es geschafft. Ich bin zurück in Deutschland. Ich bin in Kord-Hose und Zalando Stiefeln im späten Oktober zum Nordkap getrampt. Rückblickend war das ganze gleichermaßen dämlich und lustig. Ich gebe ehrlich zu, die Wetterbedingungen unterschätzt zu haben. Ich gebe ehrlich zu, dies genauso wieder zu machen. Wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, könnte ich kaum zufriedener sein. Eine Herausforderung, eine Errungenschaft, ein echtes Abenteuer.

Ein Abenteuer, das ohne all diese Lebensretter auf den skandinavischen Straßen nicht möglich gewesen wäre.