Die Schöne und das Biest

Schweiß, der von meinem Gesicht in Richtung des gefrorenen Holzstegs tropft. Asiatische Touristen, die mit mir und meiner englischen Begleitung herumalbern. Schweiß, der meinen Oberkörper trotz dicker Kleidung frieren lässt. Eine deutsche Groß-Familie, die uns beiden zuvor an der Straße stehen gesehen hat. Schweiß, der sich am Ende auszahlt. Ein wahrhaft atemberaubender Ausblick. Die schöne Seite Norwegens, die Schönheit seiner Natur. 

Strömender Regen, kahle Bäume als Unterstand. Hilflos warten wir auf eine Gelegenheit, unsere Zelte frühzeitig aufschlagen zu können. Da ist er. Wir schaffen es gerade rechtzeitig. Es ist 4 Uhr am Mittag, 6 Stunden nachdem wir den sogenannten Preikestolen bewundert haben. Das Rauschen eines Wasserfalls und das Trommeln der Regentropfen auf unseren Zeltwänden. Geräusche, die uns an diesem Freitag frühzeitig in den Schlaf begleiten werden. Sich schlagartig ändernde Wetterbedingungen. Starke Temperaturschwankungen. Norwegen kann erbarmungslos sein. Erbarmungslos und wild.

Die Schöne und das Biest. 

Preikestolen Norwegen

Einen Tag zuvor erreichen wir Tao. Eine großräumige Fähre setzt uns gegen Abend in dem kleinen Dorf ab, nachdem wir zuvor in Stavanger den Regen ausgesessen hatten. Wir irren durch die Dunkelheit, auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Eine Wiese vor einer Bibliothek hilft aus. Eine magische Bibliothek, die sich bei Anbruch des Tages in eine Schule samt Kindergarten verwandelt. Ein ungewohnter Anblick für Kinder, Eltern und das Lehrerkollegium. Wo man in Deutschland wohl recht schnell mit der Polizei Bekanntschaft machen würde, stößt man hier auf Neugierde. Der Schuldirektor empfiehlt mir einen geeigneten Platz zum Trampen, die Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen werfen mir ein amüsiertes Lächeln entgegen und die Schulkinder untermalen unser Frühstück mit Red Hot Chilli Peppers. Ein bemerkenswerter Musikgeschmack für einen geschätzt 12 jährigen, der seinen Freunden vor dem Unterricht Musik von seinem Smartphone vorspielt.

Unser Plan war es, den kompletten Fjord entlang zu wandern. 43 Kilometer. Das Wetter wird unser Unterfangen leider unmöglich machen. Die Rekord-Niederschlagsmenge der Vortage in Verbindung mit den weiterhin anhaltenden Regenschauern haben den Wanderweg in einen Hindernisparcours verwandelt. Schlamm, rutschige Felsen und umgestürzte Bäume. Wir spielen mehr als nur einmal ‘Der Boden ist Lava’.

Lysefjord Norwegen

Lysefjord Norwegen

Wir brechen unseren Hike nach 15 Kilometern ab. An einem Sonntag, einem sonnigen Sonntag. Wir erreichen ein Dorf, von dem einmal am Tag eine Fähre in Richtung Fjord-Ende ablegt. Beim Warten auf die Fähre erzählt mir ein Norweger von Holländern, die ein paar Tage zuvor an dieser Stelle ins Wasser gesprungen sind. Eine geschätzte Wassertemperatur von 7 Grad lassen mich zwar zunächst zweifeln, die Tatsache, dass meine letzte Dusche bereits seit 4 Tagen auf sich warten lässt, bewegt mich jedoch zum Springen. Die Schönheit des Fjordes verwandelt sich binnen Sekunden zu biestiger Kälte.

Lysefjord Norwegen Schwimmen

Nachdem wir mit der Fähre anlegen, bringt uns ein weiterer Lift zum Parkplatz, von dem der Kjeragbolten Hike beginnt. Als wir aussteigen, drückt er sowohl mir, als auch dem englischen Daniel eine Dose Bier in die Hand. Für den Sonnenuntergang. Der Parkwächter Hendrik macht uns auf eine unmissverständliche, dennoch sehr unterhaltsame Weise klar, dass wir sehr spät an sind. ‘Beeilt euch, erreicht den Gipfel, genießt den Sonnenuntergang und schlagt euer Zelt auf – Aber macht euch auf eine kalte Nacht gefasst, -4 Grad, ihr Beiden werdet euch heute Nacht definitiv näher kennenlernen’. Wir starten zusammen, trennen uns jedoch nach wenigen Minuten. Daniel gibt auf – die letzten Tage liegen ihm zu schwer in den Knochen. Mir geht es nicht anders, aber ich kämpfe mich nach oben. 3 Stunden später sitze ich auf 1000 Metern, genieße ein eiskaltes Bier und bewundere den Sonnenuntergang. Eine Schönheit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ein Moment, den nicht einmal die kalten Temperaturen trüben können.

Lysefjord Camping

Lysefjord Aussicht und Bier

Aufwachen. Das Verlangen zu bleiben, aber das Bedürfnis gehen zu müssen. Ich muss pinkeln. Ich erwarte einen mit unzähligen Sternen verzierten Himmel, ich erwarte einen spektakulären Anblick. Ich kann 5 Sterne zählen. Und ich spüre die Kälte. Mein zuvor warmes Zelt verwandelt sich in ein eisiges Gefängnis. Unruhiges umherwälzen, ein leichtes Grinsen beim Betrachten der gefrorenen Zeltwände. Ein hoffnungsvoller Blick auf die Uhr. 02:00. Die Gewissheit, dass mir die kälteste Phase dieser Nacht noch bevorsteht. Warum zum Teufel tue ich mir das nochmal an? 8 Stunden später wird mir die Antwort gegeben. Kjeragbolten, ein kleiner Fels, der zwischen 2 Steilwänden eingeklemmt ist. 1000 Meter über dem Boden. Ein langer Schritt, für ein paar Sekunden Luft anhalten, darauf warten, dass der Tourist, den ich Minuten vorher getroffen habe, ein gutes Foto schießt. Die Gewissheit, dass sowohl einen halben Meter vor mir, als auch hinter mir der sichere Tod lauert. Ein weiterer langer Schritt zurück auf das sichere Plateau. 5 Sekunden, die meine Bungee Jumping und Skydiving Erfahrungen langweilig erscheinen lassen.

Kjeragbolten Norwegen

Einen 2 stündigen Abstieg später treffe ich Daniel am Parkplatz. Er ist über Nacht 20 Jahre alt geworden und hat vom netten Parkwächter sowohl ein Frühstück, als auch eine neue Hose spendiert bekommen. Seine Nacht hat meiner sehr geähnelt. Erbarmungslos kalt. 2 Stunden später treffen wir 2 Damen, die ich bei meinem Abstieg kennengelernt hatte. Amalie und ihre Mutter Anna. Die Beiden bieten uns eine Dusche und einen Schlafplatz in Stavanger an. Ein Angebot, das wir nicht ausschlagen können. Es gibt außerdem wieder Pizza. Die gleiche Pizza, die Frode 1 Woche zuvor für uns bestellt hatte. Happy Birthday Dan!

Am nächsten Morgen ging es wieder auf die Straße. Genug National Park Hikes. Unser nächstes Ziel ist Norden. 2 Lifts später stehen wir in strömendem Regen. Für 40 Minuten. 40 Minuten, die sich wie 2 Stunden anfühlen. Völlig durchnässt schleppen wir uns durch den Tag. Kurz bevor wir unseren letzten Lift bekommen werden, müssen wir zu Fuß eine Brücke überqueren. Es bietet sich ein kurzer, aber atemberaubender Anblick. Eine gelungene Abwechselung zum grauen und regnerischen Himmel. Die Schöne und das Biest.

Trampen in Norwegen

Die Schöne und das Biest.

Amalies Familie besitzt einen Whirlpool auf der Veranda. Ich und Daniel verbringen geschätzt 2 Stunden damit, unseren Muskeln nach einer anstrengenden Woche ein wenig Erholung zu gönnen, denn das Biest hat seinen Tribut gefordert. Durchnässte Kleidung und eine -4 Grad kalte Nacht haben uns viel Kraft gekostet. Ich muss meinen Gürtel wöchentlich enger schnüren.

Die Schöne. Leider hat die hübsche Jasmin aus Taiwan, wie sie von einer deutschen Zeitung liebevoll getauft wurde, ihr Praktikum in Spanien nicht bekommen. Ich muss also all diejenigen, die auf ein romantisches Wiedersehen gehofft haben, erneut vertrösten.

Das Biest. Mein Bart wird wieder länger. 2 Wochen in Skandinavien haben ihre Spuren hinterlassen. Dünnere Wangen, dreckige Kleidung und zerzauste Haare. Genauso habe ich mir meinen Ausflug in die Wildnis vorgestellt. Und  ich sage dies mit dem Wissen, dass das richtige Abenteuer gerade erst beginnt. Eine Reise, die uns weiterhin mit den beiden verschiedenen Seiten Norwegens konfrontieren wird.

Die Schöne und das Biest.