Der Münzwurf

Ein gelb-braunes Tuch, elegant um ihren Kopf gewickelt, schützt Olas Stirn vor der afrikanischen Sonne, die sich dank der löchrigen Wolkendecke ach zu leicht unterschätzen lässt. Mittlerweile tanzen wir zu sich abwechselnder Musik auf dem gelben Seitenstreifen des sogenannten Highways N2. Ein Zeichen dafür, dass das Trampen am heutigen Montag unseren Erwartungen nicht gerecht wird.

Wir sitzen, an unseren Rucksäcken angelehnt, nebeneinander am Rande der Autobahn. Im Hintergrund wedeln farbige Südafrikaner mit Geldscheinen in Richtung der entgegenkommenden teils schwer modernen, teils schwer beschädigten Autos.

Zahl Namibia. Kopf George.

Die goldfarbene 20 Cent Münze (die ungefähr 1 Cent in Euros entspricht) dreht sich im Sonnenlicht und landet sicher in meiner rechten Handfläche. Eine routinierte Schlagbewegung in Richtung meines linken Unterarms. Tätowierte, schwarze Baumsilhouetten und meine rechte Hand umschließen die Antwort auf eine Entscheidung, die weitreichende Folgen haben wird. Bleiben wir unserem ursprünglichen Plan treu und trampen weiter über George nach Durban entlang der südafrikanischen Küste, oder werden wir umkehren und uns auf den Weg nach Namibia machen.

Kopf.

Mein Blick trifft sich mit Olas kristallblauen Augen. Wahrscheinlich ein Erbe ihrer russischen Seite. Ich bin davon überzeugt, dass ein Münzwurf bei wichtigen Entscheidungen ein durchaus adäquates Hilfsmittel ist. Nicht im Sinne von ‘das Schicksal wird uns richtig leiten’, sondern vielmehr ‘man wird sich bewusst, auf welche Seite der Münze man insgeheim gehofft hat’ .

Namibia“, frage ich Olas Richtung. “Namibia“, antwortet sie in meine.

Wir haben uns ‘gegen’ das Schicksal der Münze entschieden. “Dass ich euch heute getroffen habe, kann nur Schicksal gewesen sein” wird Gretha wenige Stunden später mit überzeugter Stimme verkünden, nachdem sie uns die Einzelheiten ihrer Dusche erklärt, Abendessen serviert und uns unsere Betten gezeigt hat.

50 Liter

Auf dem Weg zum Flughafen-Ausgang springen mich zahlreiche, von den Decken hängende, leere Wasserflaschen mit Warnhinweisen an.Nutz nur 50 Liter Wasser pro Tag”. Ich war mir vor meiner Reise bewusst, dass sich Kapstadt in einer Wasserkrise befindet. Wie akut die Problematik tatsächlich ist, wird mir erst später bei meinem Host Jon bewusst werden. “If it’s yellow, let it mellow” – “Wenn es Gelb ist, lass es einsickern”. Ein Spruch, den man hier über den meisten Toiletten findet. Versucht so wenig wie möglich abzuspülen. Jon spült sein Geschirr mit ungefähr 1 Liter Wasser. Das Wasser jedes Waschbeckens fängt er in Eimern ab und nutzt dies gemeinsam mit dem dreckigen Wasser aus der Waschmaschine zum spülen seiner Toilette. Wenn es mal nicht gelb ist. Duschen werde ich mich in 4 Tagen Kapstadt nur einmal. Kein Duschkopf, nur ein kleiner Messbecher mit Wasser, den ich mir 3 Mal über den Oberkörper gieße. Jon, ein 38 jähriger Engländer, der an einer Universität unterrichtet und momentan an einem Lehrbuch für Süd Afrikaner schreibt, hat farbige Schüler in seiner Klasse, die im Alter von 20 das erste Mal in ihrem Leben einen Computer benutzen.

Der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Kopf in Deutschland liegt übrigens bei 127 Litern. 

Jon sagt, dass Kapstadt in den nächsten 5 Monaten seine kompletten Wasservorräte ausgeschöpft haben wird, falls sich nicht grundlegend etwas an der Wassernutzung ändern wird.

Kapstadt Wohnungen

Kapstadt Strand

Der Alarm

Ein 2 stündiger, steiler 1000 Meter Aufstieg wird dafür Sorgen tragen, dass ich auch heute noch meine Waden bei jeder Treppenstufe spüre. Ein atemberaubender Ausblick, den man so von vielen Kapstadt Bildern kennt. Extrem starker Wind, den man so nicht von vielen Kapstadt Bildern kennt.

Tafelberg Kapstadt

Tafelberg Kapstadt

“Achtung, die Seilbahnstation schließt wegen des Windes” dröhnt es aus den Lautsprechern, gefolgt von einem lauten Alarm, den ich bisher stets mit Feuerwehr in Verbindung gebracht habe. Chinesische Reisegruppen laufen panisch von den Aussichtspunkten in Richtung Seilbahn. Ich und Ola liegen derweil auf einem der Felsvorsprünge und amüsieren uns über die verängstigten Touristen. Als wir nach einem langen Abstieg unseren Ausgangspunkt erreichen, passieren wir 3 Touristen, die gerade in ihren silbernen Mietwagen einsteigen. “Entschuldigung, könnt ihr uns eventuell einen Lift in die Innenstadt geben?

Unser erster Hitch Hike in Afrika.

Schwarz und Weiß

In Süd Afrika treffen 2 Hautfarben aufeinander. Reiche Weiße und eine schwarze Unterschicht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im Generellen ist diese Abgrenzung zutreffend. Schwarze Frauen, die weise Kinder in Kinderwägen durch die wohlhabenderen Viertel schieben. Menschenleere Straßen, sobald die Sonne untergeht. Ein Resultat aus den omnipräsenten Sicherheitswarnungen. Ein eigenartiges Gefühl. Weit weniger problematisch ist das Zusammenspiel der schwarzen und weißen Hautpartien der Südafrikanischen Pinguine, die sich im Süden von Kapstadt niedergelassen haben. Wundervolle Tiere, die besonders mit ihrem ‘betrunken wirkenden’ Gang begeistern können.

Pinguine Südafrika Kapstadt

Pinguine Südafrika Kapstadt

Pinguine Südafrika Kapstadt

Der Seitenstreifen

Als ich und Ola Sonntags aus Kapstadt trampen, merken wir schnell, dass wir nicht die einzigen Tramper sind. Zumindest die einzigen Weißen. Auf den Seitenstreifen der Autobahnen scharen sich farbige, die mit wedelnden Geldscheinen versuchen, Fahrzeuge zu stoppen. Eine Folge der unfassbar hohen Arbeitslosenquote von 77% und der nicht existenten Möglichkeit von kostengünstigen, öffentlichen Verkehrsmitteln. Tramper mitzunehmen wird als sehr gefährlich eingestuft. Eine Tatsache, die unser Vorhaben ungemein schwierig werden lässt. Insgesamt 2 Lifts werden uns an diesem Tag 150 km weiter Richtung Osten bringen. 2 Lifts, die uns wiederholt klar machen, wie gefährlich die Straßen in Süd Afrika sein können. Einem Land, in dem Korruption, Raub und Mord scheinbar ein fester Bestandteil des täglichen Lebens sind.

Eine omnipräsente Gefahr, die mich am Reisen in Afrika zweifeln lässt.

Trampen Südafrika

Trampen in Südafrika

Eindrücke

In den letzten Tagen haben mich einige Geschehnisse mit fragenden Blicken zurückgelassen. Als wir im Zug Richtung Pinguine sitzen, betreten 5 farbige Kinder das Zugabteil. Um ihre Fußknöchel haben sie mit Steinen gefüllte Plastikflaschen gebunden. Fußrasseln. Eines der Kinder trägt eine Bongo, deren Größe ihn fast übersteigt. Ich deute die Tanzperformance als traditionellen, afrikanischen Tanz und beobachte die Kinder dabei, wie sie im Anschluss an der nächsten Zugstation von der Polizei aus dem Wagon geworfen werden.

Zugfahren in Südafrika

Zugfahren in Südafrika

Die Wände der Züge sind übrigens mit Werbeaufklebern ‘verziert‘. Abtreibung in 30 Minuten. Wundersame Penisvergrößerung. Schmerzfreie Abtreibung innerhalb von einem Tag. Whats App Nummern.

Züge in Südafrika

In unserem nächsten Zug gibt es 2 große Warnschilder. Keine Zigaretten und keine Waffen erlaubt. Generell stößt man des öfteren auf interessante Warnschilder.

Warnschilder Südafrika

Und nicht wenig oft stößt man auf Namen und Logos von Firmen, die mir zumindest in gewissem Maße bekannt vorkommen.

Marken in Südafrika

Als wir auf einen der Züge warten, werden wir mit einem bizarren Szenario konfrontiert. Eine Gruppe von jungen Farbigen, scheinbar betrunken. Einer der Gruppe liegt auf dem Boden neben den Gleisen und schreit lautstark, fast hysterisch. Währenddessen laufen 3 der Gruppe über die Zuggleise und bewerfen sich mit Steinen. Einzig die Tatsache, dass einer der nebenstehenden Einheimischen am Lachen ist, hält uns davon ab, den Bahnsteig schnellstens zu verlassen. Eine Situation, die in westlichen Ländern innerhalb von Minuten zu einem Polizeieinsatz führen würde. Eine Situation, die hier in Süd Afrika scheinbar niemanden schockiert.

Auf der öffentlichen Bahnhofstoilette treffe ich auf einen Mann, der Toilettenpapier verteilt. “Toilettenpapier, dafür gibst du mir Kondom”. 10 Blätter Papier verteilt er pro Person. Ich gehe davon aus, dass für mehr gezahlt werden muss. Risiko. Am gleichen Bahnhof werde ich von einer alten Obdachlosen, die eine Babypuppe auf ihrem Arm hält, nach Feuer gefragt. Sie entzündet den Zigarettenstummel, den sie Sekunden zuvor in einem der Mülleimer gefunden hatte, und bläst den Rauch ins Gesicht ihres unechten Babys. Kurz darauf flüstert sie diesem etwas ins Ohr und macht sich auf den Weg in Richtung des nächsten Mülleimers.

Die lustigste, beziehungsweise bizzarste Begegnung sind jedoch 2 Rastafaris, auf die wir beim Trampen stoßen. Sie bringen Wasser zu ihrem Dorf und nutzen als Kleidung lediglich alte Kartoffelsäcke. Wir taufen ihren Stamm liebevoll ‘Kartoffelsack Stamm’. Selbstverständlich stoppen sie kurz, schauen verwundert auf unsere Rucksäcke und versuchen uns im Anschluss Grass zu verkaufen. Dann beginnen auch sie zu trampen.

Fat Henrys ist der Name einer Pizzeria, in der wir Sonntag Abend auf der Suche nach Wifi Platz nehmen. Das Restaurant wird von einer liebevollen Familie geleitet, die innerhalb von 2 Tagen auch eine Art Familie für uns werden wird. Caledon ist der Name der Stadt, in die wir es an unserem ersten, richtigen Tramp-Tag geschafft haben. Nur 150 km. Ernüchternd. Christine, das blonde Familenoberhaupt, bietet uns kurz vor Ladenschluss einen Lift zur nächsten 24 Stunden Tankstelle an. Sie legt ein gutes Wort bei den Angestellten ein, die nach einem kurzen Telefonat mit dem Manager zustimmen, mich und Ola in ihrem Außenbereich zelten zu lassen. Die Menschen hier sind sich der Gefahr bewusst, die Campen an einem frei zugänglichen Platz mit sich bringen würde.

Fat Henrys ist auch der Platz, an dem wir am folgenden Morgen Gretha kennenlernen. Nachdem wir im Anschluss 4 Stunden vergeblich an der Straße stehen, entscheiden wir uns dazu eine Münze zu werfen und finden uns kurz nach unserer Entscheidung wieder in der besten Pizzeria in Süd Afrika wieder. Plötzlich geht alles recht schnell und unsere Probleme lösen sich von selbst. Gretha, die ich via Facebook kontaktiere, besteht darauf, uns von ihrer 40 km entfernten Heimatort abholen zu kommen und zu beherbergen. Nach kurzer Zeit in ihrer Wohnung entschließen wir uns dazu, unseren Aufenthalt auf 2 Nächte zu verlängern und am Mittwoch in Richtung Kapstadt und Namibia aufzubrechen.
Im Laufe des Abends stößt eine Freundin von Gretha hinzu. “Falls ihr bis Mittwoch Morgen hier bleiben wollt, kann ich euch mit bis nach Kapstadt nehmen”, bietet sie an.

Glück? Vielleicht. Schicksal? Nunja.

Obwohl wir uns dazu entschieden haben, Süd Afrika zu verlassen, liegt trotzdem noch ein weiter Weg vor uns. Es sind immerhin noch 800 Kilometer bis zur namibischen Grenze.

Ob wir unsere Entscheidung bisher bereut haben? Könnte man denn jemals eine Entscheidung, die von einer Münze getroffen wurde, bereuen?