Bitte, töte uns nicht

Michael ist der Name unseres dunkelhäutigen Fahrers. Ein 200 km Lift, genau die Motivation die wir gebraucht haben. Kahle, beige Felsformation zu unserer Linken, erinnern an alte “Wilder Westen” Filme. Grüne, sich entlang eines Flusses schlängelnde Vegetation zu unserer Rechten, bescheren einen Ausblick, den wir so schon seit mehreren hundert Kilometern nicht mehr genossen haben. Ich und Ola teilen uns die Rückbank mit einer weiteren Dame, die sich generell ruhig hält und nur ab und an mit seltsamen Hust-Schluck Geräuschen auf sich aufmerksam macht. Es ist eine einspurige Baustelle die wir durchfahren, als Ola plötzlich einen lauten Schrei ausstößt.

“Bitte, tötet uns nicht!”

2 alte, eingesessene Couchgarnituren und ein gläserner Tisch, bedeckt mit 3 anfangs vollen, später leeren Teetassen und einer länglichen Metallschale, die zu einem Aschenbecher umfunktioniert wurde. Ich, Ola und Gretah genießen die ruhige Atmosphäre auf ihrer Veranda während wir im Hintergrund einer Mischung aus Xavier Rudd und energetischem Grillen-Zirpen lauschen. Im allmählich voller werdendem Aschenbecher folgt auf gefühlt jede fünfte Zigarette ein grünlich gefärbter Stummel.

“Give it time and we wonder why, do what we can, laugh and we cry
And we sleep in your dust because we’ve seen this all before”

Moskitostiche sind das einzige, das an diesem entspannten Abend für Unruhe sorgt. Zumindest bei mir. Entweder lieben Süd-Afrikanische Moskitos bunte Tattoos, oder sie haben eine Vorliebe für deutsches Blut. “Bin ich der einzige, der hier Malaria bekommt?” Deutscher Humor. Mein Humor. Ola schüttelt lachend ihren Kopf. Vor uns eröffnet sich ein atemberaubender Ausblick auf ein mit Sternen gefülltes Firmament. “Ich wünschte mir, du wärst hier, um diesen Anblick, diese Atmosphäre und diese Gastfreundschaft mit mir teilen zu können”, denke ich mir. Eine Stunde später werde ich dies am Telefon aussprechen.

Trampen in Südafrika

Gretah hat uns 2 Tage lang aufgenommen und sich Mittwochs spontan dazu entschieden, uns nach Cape Town zu fahren. Nach einem klassisch, afrikanischem Mittagessen – Fish and Chips – fährt sie uns sogar 70 km weiter in Richtung Norden, vorbei an den gefährlichen Vororten der Stadt. “Du bist das beste, das uns bisher in Südafrika passiert ist”, sagt Ola, während sie Gretah umarmt. Wahre Worte, abseits des sonst überwiegenden Unsinns, mit dem wir uns die gemeinsame Zeit am Straßenrand vertreiben. 3 Stunden später stoppt ein Jugendlicher names Xavier.

Trampen Südafrka

Trampen Südafrika

Die Familie des 25 Jährigen Südafrikaners, dessen Erscheinung eher an einen Südamerikaner erinnert, besitzt ein kleines Unternehmen, das Holz für Schränke zuschneidet. Nach einem kurzen Verhör überzeugen wir seine Mutter davon, dass wir keine Massenmörder sind. Sie bieten uns an, unser Zelt neben der Werkshalle aufzustellen. Joseph, Spitzname Opi, ist einer der Angestellten und schläft in einer kleiner Hütte nebenan. “Falls euch meine Wohnung nicht zu unangenehm ist, könnt ihr gerne bei mir schlafen”. Eine kleine Toilette, eine halbfertige Dusche, auf deren Fertigstellung Opi seit 5 Jahren wartet, 3 Klappbetten, bezogen mir Kinderbettwäsche, und ein Fernseher so alt, dass die junge Generation in Deutschland diesen wahrscheinlich nicht mehr bedienen könnte. Neben dem Bett steht ein Vorschlaghammer. “Hier ist es sicher”, sagt Opi. “Es wurde erst 2 mal versucht einzubrechen”, hängt er an. Wir nehmen dankend sein Angebot an.

Opi lebt seit 5 Jahren alleine in dieser kleinen Wohnung neben seiner Arbeitsstelle. Seine Ehefrau und 2 Kinder wohnen 100 Kilometer von ihm entfernt. Er kann sich weder ein Fahrzeug, noch die ohnehin kaum vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel leisten. Joseph sieht seine Familie nur alle paar Wochen. “Manchmal fühle ich mich einsam, manchmal tut mir die Ruhe aber auch gut”, sagt er. “Eines Tages werde ich genug Geld gespart haben, um meiner Familie im Nachbarort ein kleines Apartment zu kaufen”, träumt Opi, ein ungefähr 45 jähriger Mann, der ständig am Lächeln ist. Er hat sich mit seiner Situation abgefunden und lebt für einen bescheidenen Traum. Ein Traum, den ich mir mit meinem damaligen Gehalt binnen 2 Monaten hätte erfüllen können.

“Immer positiv bleiben und das gute in Menschen sehen”, schreibt Xavier auf meinen Rucksack. Sein Traum ist es, einmal in Deutschland zu leben. “Ich drücke dir die Daumen und falls du in Deutschland bist, sag mir Bescheid!”. Ein Satz, den ich in den nächsten Tagen öfter benutzen werde. Ein Satz, der mir jedes Mal das Herz bricht. Ein Normalsterblicher mit Süd Afrikanischem Reisepass? Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Trampen in Südafrika

In den darauffolgenden 2 Tagen werden Ich und Ola insgesamt 700 Kilometer trampen. Wir werden einen Lift von einem Polizeiwagen bekommen, eine Nacht als Obdachlose vor einer Tankstelle schlafen und wir werden dazu eingeladen, im Garten einer Polizeistation unser Zelt aufzuschlagen. Angelehnt an die kahlen Wände des Polizeireviers vertreiben wir uns die Zeit mit ‘Never have I ever’. Vor uns ein Tetra Pack des billigsten Rotweins, den wir finden konnten, und eine neugierige Katze, die an diesem Ort wohl recht selten Reisende sieht. “Ich hab noch nie in einem Polizeirevier Alkohol getrunken”. Wir beide trinken.

Camping Polizeirevier in Südafrika

Trampen in Südafrika

Ehrlich gesagt habe ich etwas gelogen. “700 Kilometer getrampt” entspricht nicht ganz der Wahrheit…

“Bitte, tötet uns nicht”, schreit Ola. Sie zeigt mir ihrer Hand auf die linke Straßenseite und fragt hektisch lachend, ob wir das Schild gesehen haben. “Please don’t kill me”, ein Schild, das sich laut unseres Fahrers auf Tiere, die den Highway überqueren, bezieht. Leider wird dies das einzige derartige Schild sein, das wir in Südafrika sehen werden. Ansonsten hätten wir ach zu gern ein Bild davor aufgenommen. Stattdessen musste hierzu ein zwar etwas langweiligeres, dennoch interessantes Straßenschild herhalten. 

Trampen in Südafrika

24 Stunden später wir aus diesem Spaß Realität werden und wir werden uns zum ersten Mal in einer Situation wiederfinden, die uns auch Stunden später noch beschäftigen wird…

Trampen Südafrika

Es sollte dieser Tramp Spot werden. Nach der Nacht in der Polizeistation, in einer laut Aussage der Anwohner sehr sicheren Stadt. Wir stehen 2 Stunden in der brennenden Sonne, amüsieren uns über die schier nichtige Anzahl an vorbeifahrenden Autos und versuchen uns mit Galgenhumor bei Laune zu halten. Ein farbiger, kurzhaariger Mann taucht auf der anderen Straßenseite auf und beginnt damit, langsam in unsere Richtung zu schlendern. Sein Oberkörper wird von einem schwarzen Pelzmantel verdeckt. Ein ungewohnter Anblick bei den hier herrschenden Temperaturen. Bei seiner derzeitigen Schrittgeschwindigkeit wird er uns in ein paar Minuten erreichen. Wir haben ein ungutes Gefühl. Ich manövriere unauffällig mein Taschenmesser aus meiner Rucksack-Tasche in meinen Umhänge-Beutel. Als der unbekannte uns erreicht, schwingt er seine Jacke auf eine unserer Taschen und offenbart uns seine bizarre Sammlung von Tattoos. Zahlen, die an Gang-Tattoos erinnern. Zahlen, die ihm Laut eigener Aussage während seiner 5 jährigen Gefängnisstrafe in die Haut gemeißelt wurden. Das ungute Gefühl bricht nicht ab.

Sein Gespräch fokussiert sich auf mich. “Kannst du mir etwas Geld für ein Taxi geben?”, gefolgt von “Gib mir auch noch etwas Geld für Getränke”. Ich gebe ihm umgerechnet 3€ aus meinem Geldbeutel und versuche mich auf seine Hände, die abwechselnd mich und seinen eigenen Oberkörper berühren, zu konzentrieren. Sein freundliches Angebot, uns Heroin zu verkaufen, lehne ich ab. “Wir sind alle Gott”, sagt er in schwer verständlichem Englisch. “Wir Männer, Frauen sind dafür da uns zu dienen”, schiebt er nach. Als nächstes fragt der Unbekannte nach Essen. Wir überreichen ein Teil unseres Toasts und Feta Käse, den wir seit 7 Tagen ungekühlt herumschleppen. Karma. Die Sonne brennt weiterhin unbarmherzig. Plötzlich schaltet Ola. Sie täuscht starke Magenkrämpfe vor und sagt sie müsse auf eine Toilette. Eine überzeugende, schauspielerische Leistung. Nicht ‘Adam Sandler in Jack and Jill’ überragend, sondern vielmehr ‘Robin Williams in Good will hunting’ überragend. Ein guter Vorwand, um den Seitenstreifen in Richtung Tankstelle zu verlassen. Ich werfe mir beide Rucksäcke über die Schulter und wir marschieren los. Anfangs folgt uns der Drogendealer, lässt aber kurz darauf von uns ab. Glücklicherweise.

Waren wir zu freundlich? Haben wir richtig gehandelt? Was wäre gewesen wenn? Auf dem Weg zur Tankstelle erklärt mir Ola, die während des Gespräches den Rücken des Unbekannten im Blick hatte, dass dieser in seinen hinteren Hosentaschen sowohl ein Messer, als auch eine Schusswaffe griffbereit hatte. Wir werden die nächsten 300 km in einem Bus zurücklegen. Ein mulmiges Gefühl wird mich für den Rest des Tages begleiten. Am morgen danach stehen wir wieder an der Straße und bekommen binnen von Minuten einen Lift zur namibischen Grenze.

3 Euro und etwas Essen. Glimpflicher hatte unser erster ‘Überfall‘ nicht ausgehen können. Ein Formular und einen Stempel später geht unser Süd Afrika Abenteuer verfrüht zu Ende.

Namibia Sonnenuntergang