Schlechte Entscheidungen

Ich habe in meinem Leben einige schlechte Entscheidungen getroffen. Ich schätze, dir geht es ähnlich. Entscheidungen wie in den Zug nach Venedig zu steigen, eine Beziehung mit meiner Ex-Freundin zu starten oder die letzte Staffel ‘Lost’ zu schauen.

Vor ein paar Tagen habe ich Dominik aus Bayern kennengelernt. Wir haben über schlechte Entscheidungen und unglückliche Ereignisse während unserer Reisen philosophiert. Wir waren uns einig, dass nicht alles aus einem gewissen Grund geschieht, aber diese Ereignisse führen meist zu neuen Situationen, sie führen eine Reise in neue Richtungen, Richtungen fernab der geplanten Wege. Bestimmte Ereignisse haben uns beide an diesem Tag nach Alvani geführt. Ein kleines, abgelegenes Dorf, wo uns ein junger Einheimischer namens Levani eine Unterkunft angeboten hat.

Versteht mich nicht falsch, dies war in der Tat eine tolle Entscheidung, aber mein Vorschlag, mit ‘Never have I ever’ als Trinkspiel auf der Spitze eines Berges zu beginnen, war es definitiv nicht. 

Aber lasst uns ein paar Tage früher starten. ‘Ich kenne dich, du bist ein Gentleman’ – Wow, das ist eine nette Art von einem Flugbegleiter willkommen geheißen zu werden. Ich hatte ihm ein paar Stunden zuvor eine Tür am Flughafen aufgehalten. Ruhe in Frieden Hodor. Falls du jetzt erwartest, dass dies in einer verrückten Geschichte a la ‘Ein Business class Upgrade‘ geendet ist, muss ich dich leider enttäuschen. Es blieb bei einem kurzen Kompliment, dass mich den Sitz meines Fluges mit einem breiten Lächeln suchen gelassen hat.

Georgien ist heiß und das scharfe Indische Essen, das meine neuen Hosts zubereiten, lässt sich in keinster Weise als Abkühlung bezeichnen. 5 Inder, die sich im Stadtzentrum eine Wohnung teilen, werden mich für die nächsten Nächte beherbergen. Sie empfangen mich mit einem lokalen Schnaps. Tschatscha. Dies in Kombination mit den lächerlich günstigen Bierpreisen tragen dafür Sorge, dass ich in meiner ersten Nacht nicht nüchtern einschlafen werde. Reisegeschichten, Kartentricks und indische Musik. Ich hätte mir meinen Einstand in Georgien nicht besser vorstellen können. Und das, obwohl er meine Städtetour am Folgetag zu einer Tortur gemacht hat.

Tbilisi Georgien

Tbilisi Georgien Kirche Trinity

Die Außentemperatur von 38 Grad hat uns am dritten Tage dazu beflügelt, einen nahe gelegenen See zu besuchen. Ich, meine indischen Freunde und 2 weitere finnische Couchsurfer. Ich habe bereits erwähnt, dass ich Abschiedsgeschenke liebe. Mein Host Sajith hat mir meine Entscheidung sehr leicht gemacht. Vor 3 Jahren hat mich ein Inder namens Smit mit Kartentricks in Kontakt gebracht, als wir in Thailand bei dem selben Host gecouchsurft haben. Seitdem sind Kartentricks zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen herangewachsen. Damals hat mir Smit eines seiner Kartendecks vermacht und mich freundlich dazu angehalten, mit diesem zu üben. Und nun war es an der Zeit, eines dieser Decks Sajith zu schenken, da er meine Tricks liebte. Dies muss dieser ‘Circle of Life’ sein, von vom uns Disney in meiner Kindheit erzählt hat.

See in Tbilisi Georgien

Trampen in Georgien soll an Leichtigkeit kaum zu unterbieten sein. Hitchwiki schlägt sogar vor, direkt auf der Autobahn zu trampen. ‘Georgier werden so oder so anhalten’ erläutert es die Webseite. Und sie hat Recht. Mein erster Lift hat eine Autopanne mitten auf der Autobahn, mein dritter Lift fährt ein uraltes Auto, dessen Maximalgeschwindigkeit augenscheinlich 40 km/h beträgt und mein vierter Lift ist scheinbar sehr religiös. So erkläre ich es mir zumindest, dass er mich zu einer Kirche bringt, um Selfies mit mir zu machen. Alles in allem habe ich niemals länger als 5 Minuten auf einen Lift warten müssen.

Mein neuer Host Levani begrüßt mich in Alvani(Ich schwöre erneut, ich denke mir diese Namen nicht aus!) und lädt mich zu einer Nacht in seinem Elternhaus ein, bevor er mich im Nationalpark hosten will. Levani ist in dieser ländlichen Gegend aufgewachsen und verdient sein Geld in den Semesterferien damit, Touristen in den Nationalpark zu fahren. Da die Straße eine der gefährlichsten der Welt ist (zumindest sagt das eine Dokumentation auf BBC, von der mir quasi jeder Tourist im Nationalpark erzählen wird), bezahlen Kunden gutes Geld für die 4 Stündige Fahrt. Dank dieser Straße ist die Gegend von Touristen weitestgehend verschont geblieben. Ich bin mir sicher, dass sich dies in den kommenden Jahren jedoch ändern wird, da die Regierung eine befestigte, neue Straße plant.

Zum Glück für mich haben sie ihre Pläne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in die Tat umgesetzt. Levani hat einen Job am folgenden Morgen. 4 georgische Soldaten wollen in den Nationalpark. Und ich habe Glück. Sie stimmen damit überein, mich im Kofferraum mitzunehmen. 4 Stunden in einem vollgepackten Kofferraum auf einer gefährlichen, holprigen, kurvigen und teilweise zerstörten Straße. Wer hat gesagt, dass Trampen keinen Spaß macht?!

Tusheti Nationalpark Straße

Tusheti Nationalpark Trampen im Kofferraum

Aber macht euch keine Sorgen, als ich in Omalo angekommen bin, offenbarte sich mir ein Blick auf Levanis Wohnung. Ein weitere Wohlfühloase, die für sämtliche Strapazen Wiedergutmachung leistet. Spaß, es war eine alte, baufällige Hütte ohne Elektrizität. Ich habe sie geliebt! Ich nutze Couchsurfing, um einen Einblick in das Leben der Einheimischen zu bekommen. Genauso muss sich Leben in den Bergen vor ein paar Jahren angefühlt haben.

Couchsurfing Tusheti Nationalpark

Ich bin hoch motiviert. Eine zweitägige Wanderung, nachdem ich meine erste Nacht in diesem authentischen Zuhause verbracht habe. Ich starte etwas verspätet, weil…ich faul bin, aber nicht schlimm – ich will ehh eine Nacht in meinem Zelt verbringen. Ich habe es als nicht eilig. Am Anfang meines Tracks stoße ich auf eine Gruppe aus Tschechien. 5 Studenten, die den gleichen Plan wie ich haben. ‘Wir sind sehr spät gestartet, da wir alle verdammt faule Säcke sind’ ist einer ihrer ersten Sätze. Wir haben uns gesucht und gefunden. ‘Wir sind froh dich getroffen zu haben, da wir haufenweise Alkohol dabei haben und diesen unmöglich alleine trinken können‘. Eine böse Vorahnung macht sich in mir breit. Wir erreichen den See nach 4 Stunden, völlig erschöpft und wir ringen uns dazu durch, unsere Zelte vor Sonnenuntergang aufzuschlagen. Sie haben 2 1/2 Liter Bier und 2 Liter Tschatscha dabei.

‘Jungs und Mädels, wie wärs mit einem Trinkspiel? Wir könnten ‘Never have I ever’ spielen’ Ich habe zu Beginn von schlechten Entscheidungen gesprochen. Im Ernst, ich hätte die Tschechen niemals auf diese Idee bringen sollen.

Hiking Tusheti Nationalpark Sonnenuntergang

Dunkelheit. Ich öffne meine Augen. Gott, was zur Hölle ist letzte Nacht passiert. Ich fühle mich als hätte ich meinen Kopf gegen eine Betonwand geschlagen, wieder und wieder...Ich fühle mich, als wäre ich mit meinen deutschen Freunden feiern gewesen. Meine tschechischen Freunde versuchen meinen Kater mit einem Kaffee zu bekämpfen. Vergebliche Mühe. Scheinbar bin ich gegen Ende unseres Trinkspiels in ein Koma gefallen. Verdammter Tschatscha, gottverdammtes ‘Never have I ever‘. Ich habe in meinem Leben schon zu viel verrückten Scheiß gemacht. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich fordere die Gruppe dazu auf, mich zurück zu lassen, als sie gegen halb 1 ihre Sachen packen. Ich brauche mehr Schlaf. Um halb 3 werde ich von einem unsanften Geräusch geweckt. Sturmböen, die damit drohen, mein Zelt in Richtung Himmel zu tragen. Dunkle Wolken gesellen sich in rasender Geschwindigkeit dazu. Ich stopfe mit letzter Kraft mein Gepäck in meinen Rucksack und laufe..wenn man das denn laufen nennen kann. Ich ich erreiche den schützenden Wald bevor der Regen den dürren Wiesen Farbe spendet.

Ich erreiche Levanis Haus um 7 Uhr am Abend. Aus irgendeinem Grund begrüßen mich Levanis Vater und Dominik, der Deutsche, den ich wenige Tage zuvor in Alvani getroffen hatte. Ich habe keine Ahnung, warum die Beiden plötzlich auch in der Hütte sind, aber als sie mir frisches Hähnchen anbieten, entschließe ich mich dazu, erstmal keine weiteren Fragen zu stellen.

Auch am Folgetag lag mir die Nacht mit den Tschechen weiterhin in den Knochen und ich entschloss mich dazu, meine zweite geplante Wanderung nicht anzutreten. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellen wird, da in der Nacht ein schwerer Sturm aufziehen wird. Ohne die Tschechen wäre ich irgendwo in den Bergen vom Unwetter überrascht worden, so habe ich es von einem überdachten Gästehaus aus beobachten können und nebenbei die neueste Folge Game of Thrones nachgeholt. Und zum Abschluss durfte ich dann noch einen der schönsten Regenbögen, die ich jemals gesehen habe, bezeugen. Schlechte Entscheidungen, die zu etwas Gutem führen.

Regenbogen Tusheti Nationalpark Georgien

Dies war dann auch mein letzer Tag im Tusheti Nationalpark. Was ein Erlebnis. Eigentlich hatte ich geplant, heute zu einem weiteren Nationalpark aufzubrechen, habe dies aber Wetter bedingt absagen müssen. Ein weiterer Kofferraum-Lift von Levani hat mich zurück zu seinem Elternhaus gebracht. Ein guter Platz, um das schlechte Wetter auszusitzen und an meinem Blog zu arbeiten. Morgen werde ich in Richtung Türkei aufbrechen. Noch 28 Tage, bis ich zurück in Deutschland sein will. Noch 28 Tage, um geschätzt 5000 Kilometer zu trampen.

Zurück zum Anfang, schlechte Entscheidungen. Manche führen zu etwas Gutem, manche nicht. Manche stellen sich sogar im Nachhinein als gute Entscheidungen heraus. Davon abgesehen resultieren schlechte Entscheidungen meistens in etwas lustigem, oder verrücktem und von daher wird dies mit Sicherheit nicht die letzte schlechte Entscheidung bleiben, die ich in meinem Leben treffen werde. Manchmal denke ich darüber nach, wie kleinste Dinge den Verlauf meiner Reise beeinflusst haben und ich staune. Nach Graz statt nach Wien zu reisen hat dazu geführt, nach Italien anstelle von Ungarn aufzubrechen. Alice kennen zu lernen hat fast dazu geführt, dass ich nach Indien geflogen wäre und obwohl dies am Ende nicht geklappt hat, hat es mich dazu gebracht, durch den Mittleren Osten zu trampen. Was mich wiederum irgendwie nach Georgien geführt hat. Und auch den kleinen Dingen kommt plötzlich eine immense Bedeutung zu. Ich hätte niemals ‘Hallelujah Frau’ getroffen, wenn mich dieser alte Mann nicht von der Autobahn an eine Landstraße gebracht hätte. Niemand hätte mir Geld für Sex angeboten, wenn mich dieser grimmige Kerl nicht rechtzeitig an dem Spot abgesetzt hätte, an dem Minuten später ‘Masturbations-Mann’ vorbeigefahren ist. 

Wie gesagt, bei diesen Gedanken komme ich meist nicht mehr aus dem Staunen raus. Und wenn doch, geht es üblicherweise in ein zufriedenes Lächeln über. Ich konnte weitere Stunden über dieses Thema reden, aber keine Sorge, ich werde euch nicht länger quälen. Nur eine letzte Sache. Tut es mir und Dominik gleich. Selbst wenn schlimme Dinge passieren oder du schlechte Entscheidungen triffst. Lass deinen Kopf nicht hängen. Meistens führen diese am Ende zu positiven Ereignissen, selbst wenn es manchmal schwer fällt, diese zu finden.