High

‘Ain’t no mountain high enough baby’

Wieder einmal ist es der ‘Guardians of the Galaxy Soundtrack’ der aus meinem Lautsprecher schallt. Dieses Mal stehe ich jedoch nicht an der Straße und versuche Autos anzuhalten. Dieses Mal stehe ich auf einer Dachterrasse. Ein hohes Gebäude, das Platz für unzählige, kleine Mietwohnungen bietet. Ich beobachte die Sonne dabei, wie sie langsam hinder den heruntergekommenen Plattenbauten und den neuen, modischen Einkaufszentren in Tirana verschwindet. Es ist kein Ausblick, den man auf Google finden würde, wenn man nach ‘wunderschöner Sonnenuntergang Tirana’ sucht, hierfür wäre er zu ‘un-perfekt’. Dies, zusammen mit den 3 Freunden, die mit mir auf der Terrasse sind, machen diesen Moment jedoch einzigartig. Sie machen ihn perfekt. Ich schaue über die Stadt und genieße den Augenblick. Ich denke an meine Familie und meine Freunde. Sowohl die, die zu Hause auf mich warten, als auch an die, die ich auf meiner Reise gewonnen habe. Ich werde bald einige von ihnen wiedersehen. Dieser Gedanke zaubert ein Schmunzeln in mein Gesicht. Ich sehe Leute tanzen…Tanzen an einem Strand….Tanzen in einer Strandbar….Tanzen in meiner Strandbar...

Ich fühle mich high…und ich kann nicht sagen ob ich es diesem Moment, oder dem albanischen Weed zu verdanken habe.

Ein paar Tage früher verabschiede mich von der Familie in meinem Hostel. Davy verabschiedet mich auf eine traditionelle, albanische Art und Weise. Ein Kaffee, eine Zigarette und ein Raki. Ich verlasse Shkodre in Richtung Theth. Ein kleines Dorf in einem Nationalpark und laut den Einheimischen ist es unmöglich, dort hin zu trampen. Ein unmöglicher Hitch Hike. Ich bin etwas traurig, das Hostel zu verlassen, aber ich bin hoch motiviert, den unmöglichen Hitch Hike möglich zu machen.

Bulldog Club Hostel Shkodra

Ich werde meinen ersten Lift nach 20 Minuten am Straßenrand bekommen. Als er mich 15 Kilometer später absetzt, fragt er mich nach Geld. Verdammt, ich hatte davon online gelesen. Scheinbar verwechseln viele Albaner Trampen mit ‘ich brauche ein Taxi’. Wie auch immer, das ganze kostet mich 80 Cent, ich kann es also noch verkraften. Zukünftig werde ich jedoch immer ‘Kein Geld, kein Geld’ sagen, wenn jemand für mich anhält. Es ist ein langer Weg nach Theth und er führt entlang einer einsamen, verlassenen Schotterstraße. Ich bereite mich auf einen sehr langen Marsch vor. Plötzlich hält ein kleiner Bus an. Ich bin mehr sicher, dass es Geld kostet einzusteigen. ‘Kein Geld, kein Geld’. Der Busfahrer schaut mich verdutzt an, fordert mich jedoch trotzdem dazu auf einzusteigen. Er kann nicht begreifen, wie ein deutscher Tourist kein Geld haben kann. Der Fahrer lacht und er hat selbstverständlich recht. Ich habe definitiv mehr Geld als die meisten Albaner. Trotzdem nimmt er mich 40 km lang umsonst mit und schenkt mir gegen Ende der Fahrt sogar ein paar Früchte. Ein großzügiger Busfahrer. Alle anderen Fahrgäste bezahlen als sie den Bus verlassen, ich zahle nichts. Trotzdem beschwert sich niemand darüber. Ich fühle mich etwas komisch und frage mich, was die Einheimischen über mich denken müssen. Sie lächeln mich zumindest an.

Es sind weitere 20 Kilometer bis Theth und auf der Straße fahren kaum Autos. Es ist Zeit zu wandern. Ich schätze, deshalb haben die Leute dies den ‘unmöglichen Hitch Hike’ genannt. Ich genieße den Weg, da er durch ein wunderschönes Tal führt. Trotzdem macht sich langsam ein Gefühl der Erschöpfung bemerkbar. 23 Kilo auf den Schultern fordern ihren Tribut. Zumindest für weitere 4 km. Solange dauert es, bis ich wieder einmal Glück haben werde.

Trampen Theth

Ein weiterer T3 Volkswagen Bus, ein deutsches Nummernschild und 2 nette, junge Deutsche. Mehr braucht es diesmal nicht. Die beiden geben mir einen Lift bis nach Theth. Während wir in Richtung des Dorfes fahren wird mir bewusst, dass Theth kein Dorf vor den Bergen, sondern ein Dorf umgeben von Bergen ist. Deshalb haben sie mir also davon abgeraten zu trampen..ich verstehe. Zu Fuß wäre das ganze extrem anstrengend und vor Einbruch der Dunkelheit nicht machbar gewesen. Glücklicherweise haben mich Damian und Elias mitgenommen und mir so meinen Tag gerettet. Damian reist mit seinem Bus durch Europe und hatte Elias einen Tag zuvor eingesammelt. Wir sind also 3 Fremde, zusammen in einem VW Bus und fahren gemeinsam über gefährliche Straßen in katastrophalem Zustand, passieren Bergpässe und erreichen Theth nach 3 stündiger Fahrt. Als wir ankommen bieten die Beiden mir außerdem ein Bett im Bus an. Couchsurfing in den Bergenklassische Geschichte. Im Nachhinein bin ich sehr froh über das Angebot, da mein Zelt den Sturm, der gegen Mitternacht aufgezogen ist, wahrscheinlich nicht überstanden hätte.

Theth Albanien Camping

Der Sonnenuntergang ist entzückend, jedoch nicht vergleichbar mit dem Sternenhimmel, den wir in dieser Nacht sehen werden. So viele Sterne habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

“Ain’t no valley low enough baby” 

Ja, mein tragbarer Lautsprecher war definitiv eine meiner besten Investitionen. Ein wunderschöner Himmel, tolle Gesellschaft, ein improvisiertes Abendessen und ein Lagerfeuer. Ich fühle mich high. Dieses Mal hat das ganze jedoch nichts mit Weed zu tun.

Lagerfeuer Theth Camping

Wir entscheiden uns dazu, eine weitere Nacht zusammen zu verbringen. Theth ist spektakulär. Wir haben nur ein Problem. Ich war sehr naiv und hatte angenommen, Theth würde sich vor den Bergen befinden. Damian und Elias waren jedoch ähnlich schlecht vorbereitet. Sie gingen davon aus, dass es einen Geldautomaten und Supermärkte geben wird. Wir passen scheinbar gut zusammen. Jedenfalls haben wir kein Essen mehr, und es gibt in Theth keine Läden, die Essen verkaufen. Glücklicherweise treffen wir auf ein deutsches Pärchen, die ihr Essen mit uns teilen und somit unser Abendessen für die 2te Nacht sicher stellen. Im Laufe des Tages brechen wir auf einen 20 km langen Hike auf und ich bin immer noch beeindruckt. Schaut euch das an, dies ist Albanien.

Theth Albanien

Theth Albanien Blue Eyes

Am Tag darauf nehme ich ein Taxi zurück nach Shkodra. Es sind nur 8 Euro für eine 4 Stündige Fahrt. Ich will nicht zu spät in Tirana ankommen, dies ist der Grund für meine Entscheidung. Außerdem will ich mein Glück nicht überstrapazieren. In Shkodra angekommen schaue ich nochmal kurz im Hostel vorbei, werde dazu genötigt mich auf ein Bier einladen zu lassen, und verabschiede mich ein weiteres Mal von Davy und seiner Familie. Ich fange um halb 7 an in Richtung Tirana zu trampen und ich werde um 9 Uhr ankommen. Ein Lift direkt zu dem Apartment meines neuen Hosts. Ismet, ein Ingenieur, der in verschiedenen Tankstellen technische Probleme löst und jeden zweiten Satz mit einem lässigen Pfeifen beendet, nimmt mich mit.

Meine zweite Nacht in Tirana verbringe ich auf der Anfangs erwähnten Dachterrasse. Dies sind die Momente, weswegen ich Couchsurfing nutze. Dies sind die Highlights meiner Reise. Dies ist es, wovon ich immer wieder erzähle. Wenn ich an Theth zurück denke, sind es nicht die spektakuläre Landschaft, sondern die beiden Deutschen an die ich mich erinnern werde. Daran wie sie meinen Tag gerettet haben und wie wir zusammen gegen den Hunger kämpften. Shkodre erinnert mich an Davy und seine Familie, der Mann, der sich den Traum von einer Bar in einem fremden Land erfüllt hat. Und Tirana…Tirana wird mich an Wendi, Robin und Nick erinnern. An diese Nacht , in der wir auf dem Dach eines Wohnkomplexes, begleitet von einem Feuerwerk in der Ferne, zu ‘the Guardians of the Galaxy’ tanzten.

Tirana Dach Party

“Ain’t no river wide enough, to keep me from getting to you”

Ich werde bald damit starten, wieder in Richtung Deutschland zu trampen. Zurück zu meiner Familie für ein paar Tage, um dann im Anschluss Richtung Skandinavien aufzubrechen. Zumindest wenn sich meine Pläne in den nächsten 2 Wochen nicht wieder ändern. Tatsächlich ist dies gar nicht mal so unwahrscheinlich, da sich eventuell eine interessante Gelegenheit für mich aufgetan hat. Aber davon werde ich euch erzählen, falls das Ganze konkrete Formen annehmen sollte.

Was auch immer passieren wird, ich werde demnächst definitiv ein paar Wiedersehen feiern können.