Zerbrochen

Ein maroder, hölzerner Unterstand, unter dem gewöhnlich Menschen auf ihren Bus warten. Ich lehne mich zurück, zücke mein Smartphone und versuche, für ein paar Minuten meine durchnässte Kleidung zu vergessen. Es ist Daniels Schicht, er steht im Regen und versucht, potentielle Lebensretter anzuhalten. In ein paar Minuten werden wir wieder die Rollen tauschen. Ich wische durch meinen Facebook Feed und stoppe bei einem Beitrag, in dem Frode markiert wurde. Frode, der großherzige blonde Mann, der mich und Daniel 2 Wochen zuvor aufgesammelt und eingeladen hat. “Ich bin damals mit 18 Jahren von zu Hause los getrampt”, erzählte er, während seine 16 jährige Tochter Tuva auf dem Beifahrersitz nach passender Spotify-Musik suchte. Ein hübsches Mädchen, das ihren Kurzhaarschnitt unter einer braunen Wollmütze versteckte. Ein Mädchen, das ich wesentlich jünger geschätzt hätte. 

Ein Beitrag, der bei mir binnen Sekunden Gänsehaut auslöst. Ein Beitrag, der mich für Minuten verstummen lässt. Eine Stunde später schlagen wir unsere Zelte unter einer nahe gelegenen Brücke auf, um Schutz vor den enormen Regenmassen zu finden. 

Ein Beitrag, der mich bis zum Einschlafen beschäftigen wird und mich nachdenklich stimmt.

Der Morgen danach, die Regenwolken gönnen uns eine kurze Pause. Amanuel, der ursprünglich aus Uganda stammt, nimmt uns in seinem Post-Van mit. “Sieht man viele Hitch Hiker in Afrika”, fragt Daniel mit einem leichten, für Liverpool typischen, nuscheln. “Ob man in Afrika viel HIV sieht? Ja, sehr viel”, antwortet unser Lift. Ein ungewöhnlicher Einstieg in eine halbstündige Konversation, die mich mehr als nur einmal laut lachen lässt. Im Laufe des Tages werden wir mehrere Kurzstrecken trampen. Straßen, die sich vorbei an atemberaubenden Nationalparks schlängeln. Landschaften, die jede Sekunde unserer Autofahrten zu einem Genuss werden lässt.

Trampen in Norwegen

Trampen in Norwegen

Stark abfallende Temperaturen lassen unseren weiteren Weg gegen Nachmittag zu einem Kraftakt werden. Frostiger Wind, der uns am Rande der Straße erzittern lässt, nachdem die Sonne hinter der mit Schnee verzierten Gebirgskette verschwunden ist. Nach zweistündiger Wartezeit hält ein 77 jähriger Mann an. Ein langer, grauer Bart, in dem sich Essensreste erahnen lassen, ein dem Alter entsprechender, unsicherer Fahrstil und der Drang, uns von seinen Kindern zu erzählen. Man merkt, wie sehr er dessen Gesellschaft vermisst. Ein Wochenendausflug zu einer seiner Hütten, alleine. Ein Mann, der hoffentlich nicht an seiner Einsamkeit zerbrechen wird. Als ich meinen Rucksack aus dem Kofferraum hieve, fällt mein Blick auf die halboffene Reisetasche des alten Mannes. 2 volle Schnapsflaschen starren mich an. Hoffentlich.

Ich und Daniel gingen davon aus, dass wir in diesem Auto den Gebirgspass überqueren werden. Stattdessen werden wir auf 1300 Metern abgesetzt. Eine kurze Schneeballschlacht, Galgenhumor und die Gewissheit, dass wir von einem kalten Spot, zu einem noch viel Kälterem gebracht worden sind.

Schnee in Norwegen

Ein studierter Priester hilf ein wenig später aus. Ein Priester, der an seiner Profession zerbrochen ist. Ein Priester, der in einem Supermarkt auf 1300 Meter Höhe arbeitet und in seinen eigenen Worten ‘auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist‘. Wir verabschieden ihn 10 Kilometer später. Eine geringe Anzahl an Kilometern, die uns immerhin unterhalb der Schneefallgrenze gebracht haben. Wir verbringen die Nacht zwischen einer alten, weiß gestrichenen Kirche und einem Friedhof, dessen winzige Größe mein Heimatdorf wie eine Metropole wirken lässt.

Am folgenden Morgen bietet sich uns ein ungewohntes Bild. Während ich mit einem Freund aus Deutschland telefoniere, hält ein LKW Fahrer an. Sorin, ein gebürtiger Ukrainer, der seit mehreren Jahren in Skandinavien riesige Lastwagen durch enge und kurvige Landstraßen manövriert. Ein kurzhaariger Mann in seinen Mittvierzigern, dessen Beziehung an seinem Job zerbrochen ist. Ein trockener Humor, der mich schmunzeln lässt. Stolz zeigt er uns die Facebook-Bilder von seinem 23 jährigen Sohn, einem gut aussehendem, jungen Mann. Ein Sohn, dessen Leben Sorin seit mehreren Jahren über Facebook verfolgt. 

Ich und Daniel führen in Norwegen meist ein Leben auf der Straße. Trampen, zelten, Fastfoodfilialen, die temporären Schutz vor langen Regenschauern bieten und eintöniges, aber billiges Essen aus unseren Rucksäcken. Eine Reise, die uns stellenweise an unsere Grenzen bringt. Eine Reise, die immer wieder durch großartige Lifts und meist kurze Sonnenmomente aufgelockert wird.

Trampen in Norwegen

Nach 5 Tagen auf der Straße erreichen wir Trondheim. Halvard, ein 31 jähriger Norweger, akzeptiert unsere Last-Minute Anfrage auf Couchsurfing und ermöglicht uns eine 2 nächtige Verschnaufpause. “Einen Gesichtsausdruck, den ich bei meinem Freund so noch nie gesehen habe”, beschreibt Halvard. “Dies ist sein erleichtertes Gesicht, als wir die Grenze überquert haben”, erklärt er und richtet seinen Finger in Richtung des Fernsehbildschirms, auf dem er uns einen Zusammenschnitt verschiedener Gopro Videos vorspielt. Halvard und sein engster Freund haben im letzten Jahr an einem Halbmarathon teilgenommen. Ein Halbmarathon in Nord Korea. Sein Freund wurde kurz vor der Abreise fast verhaftet, da er an einem der öffentlichen Plätze Kaugummi kaute. “Eine andere Welt”, nennt er es und zeigt mir und Daniel stolz eine Urkunde und eine geschlossene Packung nordkoreanischer Zigaretten. Nordkorea…ein Gedanke der mich im Laufe des Abends beschäftigen wird. ‘Eine andere Welt’, die ich gerne persönlich erleben würde. 

Halvard arbeitet seit 5 Jahren auf einem Kreuzfahrtschiff. 3 Wochen auf See, 3 Wochen Urlaub. Ein Beruf, der ihm ein geregeltes Leben mit Hobbies fast unmöglich macht. Er will sein Leben in eine neue Richtung lenken, bevor er beginnt daran zu zerbrechen. “Reisen“. Eine bessere Empfehlung kann ich nicht geben. ‘Reisen‘ hat mein Leben geändert, ‘Reisen‘ hat mir meine Augen geöffnet. Halvard setzt uns Montags an einem perfekten Hitch Hiking Spot außerhalb von Trondheim ab. In einem Dorf mit dem Namen ‘Hell’ – ‘Hölle‘.

Trondheim Norwegen

Trondheim Norwegen

Glück und Pech liegen beim Trampen oft dicht beieinander. An diesem Montag haben wir Glück. Mathias, ein junger Kerl, der in diesem Jahr in 3 Monaten von Süd-Norwegen bis zum Nordkap gewandert ist, bringt uns 500 km in Richtung Norden. Am darauffolgenden Dienstag haben wir Pech. Wir stehen 6 Stunden lang im Regen. Pech, dass sich um 4 Uhr schlagartig in Glück verwandelt. Anita hält an, lädt uns in ihr abgelegenes Landhaus ein und wird uns morgen zu den Lofoten fahren. Unser vorzeitiges Ziel. Ab Freitag soll zudem das Wetter für 5 Tage lang aufklaren. Dies ist unsere Chance. Unsere Gelegenheit die Nordlichter zu sehen.

Anitas Wohnzimmer wird von einer beleuchteten Vitrine verziert. Eine zerbrochene Vase. “Die Hitze hat die Vase in 4 Scherben zerspringen lassen. Diese hier sieht aus wie eine Pyramide, diese hier wie ein Boot. Manchmal lässt sich auch in Zerbrochenem Schönheit finden”.

Der Facebook-Beitrag zeigt Frode, gemeinsam mit einem seiner Freunde auf einer Spendengala. Ein kurzer Text beschreibt Frodes Geschichte. “Frode war 17 Jahre alt, als sein Vater Selbstmord begangen hat”. Dies muss der Auslöser für das frühe Trampen gewesen sein. “Später hat Frodes Leben ihn, mit der Geburt seiner Tochter Tuva, vor eine neue Herausforderung gestellt. Im Alter von 3 Jahren wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Eine seltene Art von Leukämie, mit der eine sehr geringe Lebenserwartung einhergeht. Seine Tochter kämpft noch heute um ihr Überleben”. Die kurzen Haare… “Das Leben kann unfassbar zerbrechlich und brutal sein“, beschreibt es der Beitrag.

“Manchmal scheint es, als wären die guten Menschen diejenigen, die leiden, wohingegen die Schlechten ein komfortables Leben führen”, nennt es eine Freundin, mit der ich über Frodes Geschichte rede. Und sie hat Recht. Als wir vor 2 Wochen in Frodes Auto saßen erklärte er uns, ‘wie wichtig es ist, sich am Leben zu erfreuen, selbst wenn man mit schwierigen Situationen konfrontiert wird und wie wichtiges es ist, im hier und jetzt zu leben.’ Worte, deren Schwere mir erst jetzt bewusst wird. Es sind diese Momente, in denen ich hoffe, dass etwas wie Karma tatsächlich existiert. Momente, ich denen ich mich vor jemandes Lebenseinstellung verneige. Momente, die ich niemals vergessen werde.

We are all broken. That’s how the light gets in. Ernest Hemingway.