Hässliches Herz

Ein hässliches Herz, tätowiert auf meinem großen Zeh. Im Inneren steht V+P geschrieben. Eine alte Erinnerung. Eine fast vergessene Wette. ‘Ugly heart’, übersetzt ‘hässliches Herz‘ steht symbolisch für meine Zeit in Australien. Der Name eines Songs, den wir damals als unseren ‘Australien Song’ auserkoren hatten. Ein nerviger Song, gesungen von einer ‘Casting Girlgroup’. “Es ist eine Schande, dass ein Mann dermaßen schön ist und trotzdem das Herz am falschen Fleck hat”, singen mehrere mittelmäßige Frauenstimmen, begleitet von einem Mix aus Gitarrenklängen und elektronischen Bässen. ‘Ugly heart’, ein Name, den man auch auf meinem Reise-Rucksack wiederfindet. Umgeben von den Namen derer Personen, mit denen ich damals in Australien die meiste Zeit verbracht hatte. Eine leider unvollständige Liste. Eine Liste, die ich vor ein paar Tagen in der Schweiz vervollständigen konnte.  

Prag Skyline Brücken

Prag. Frauen mit funkelnden Augen scharen sich vor teuren Juwelierläden, in denen Schmuck ausgestellt wird, dessen Funkeln dem der vorbeigehenden Passanten in nichts nachsteht. Frauen, die sich derartigen Luxus wahrscheinlich nie leisten werden können. Träume.

Eine alte Jukebox umgeben von eingesessenen, roten Polstersesseln. Eine Jukebox, auf der ich fast 5 Minuten vergeblich nach diversen Songs suche. “Ja gerne, ich nehme noch ein Bier”, wird zu einem der häufigsten Sätze, die ich an diesem Abend von mir geben werde. Ich vermisse Norwegen nicht. Als ich am nächsten Morgen das Haus verlasse und in Richtung Innenstadt schlendere, geblendet von der aufgehenden Sonne und begleitet von einem dezenten Kopfschmerz, wird mir klar. Ich vermisse Norwegen.

Prag Skyline Ausblick

John Lennon Mauer heißt sie in Lonely Planet Büchern. Eine Mauer, die ihrem Namen heutzutage nicht mehr gerecht wird. Mittlerweile wurden die damals John Lennon gewidmeten Malereien fast komplett überdeckt. Ich beobachte einen kleinen Jungen, der mit seiner Spraydose Geister und Herze auf die bunten Wände schmiert, ein hässliches Herz direkt neben einen ‘Penis’ und das englische Wort für ‘Fotze’. Ein Anblick, der mich schmunzeln lässt, während ich, eine Zigarette rollend, die Sonnenstrahlen in Prag genieße. Die Dame rechts nebenan vermag mich ebenbürtig zu belustigen. Hingabe. Selten habe ich jemanden gesehen, der sich für einen Selfie derart verrenkt hat. Ich hätte gerne das Ergebnis bestaunt. 

John Lennon Mauer Prag

John Lennon Mauer Prag

Klara, mein Last-Minute Host in Prag, arbeitet zwar viel, ist jedoch nie abgeneigt ihren Feierabend mit mir zusammen in der Innenstadt zu verbringen. “Ja, ich nehme auch noch ein Bier”. Außerdem sorgt Klara für einen weiteren ‘Verdammt, diese Welt ist echt klein‘ Moment. Es stellt sich heraus, dass ich vor 4 Monaten mit ihrem ehemaligen ‘Highschool’ Banknachbarn ‘Marek‘ zusammen in Bosnien getrampt habe. Wir wurden beide vom selben Fahrzeug mitgenommen und haben am Folgetag gemeinsam Autos angehalten.

Ich verlasse Klaras Wohnung an einem Freitagmorgen. Oder sagen wir eher Mittag, ich bin wie gewohnt einerseits faul und andererseits optimistisch. Es ist 1 Uhr, als ich an einer Autobahnauffahrt meinen Daumen in Richtung vorbeifahrender Autos ausstrecke. Insgesamt 6 Lifts bringen mich in die Nähe von Siegen zu einer großen Raststätte, der letzten vor der Grenze zur Schweiz. Ein reicher Jungunternehmer, ein Österreicher, der mit mir seine Zweifel bezüglich Verlobung teilt, ein junges, deutsches Pärchen auf dem Weg zu ihren Eltern, ein Paar aus Ungarn, ein Kurierfahrer aus Prag und ein LKW Fahrer, der an der letzten Tankstelle in Tschechien 20 Dosen Bier kauft. Klassisch. 2 dieser Dosen werden bis Zürich meinen Rucksack beschweren. 

Ich werde an diesem Abend mit 3 verschiedenen Visitenkarten im Geldbeutel schlafen gehen. “Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst”, ist die gebräuchlichste Begründung, mit der mir die teils schön gestalteten Karten in die Hand gedrückt werden. Es ist 00:30, als ich an der Tankstelle bei Singen ankomme. Der Preis, den man für eine derart späte Abreise zu zahlen hat. Erkan lädt mich dazu ein, mit ihm sein Tankstellen-Abendessen zu teilen. Er fährt zwar nach Konstanz, leistet mir jedoch trotzdem für 10 Minuten Gesellschaft. Erkan arbeitet weltweit im Immobiliensektor. Als er sich verabschiedet, nachdem er mir selbstverständlich seine Visitenkarte gegeben hat, entscheide ich mich dazu, erneut mein Zelt als Nachtquartier zu nutzen.

Trampen in Deutschland

Zürich. Frauen mit funkelnden Augen scharen sich vor teuren Juwelierläden, in denen Schmuck ausgestellt wird, dessen Funkeln dem der vorbeigehenden Passanten in nichts nachsteht. Frauen, die sich derartigen Luxus leisten können. Träume, die keine Träume bleiben. Mein Besuch in Zürich startet mit einem lange überfälligem Wiedersehen. Philipp, der gemeinsam mit Vi, bei der ich vor 2 Monaten in Bochum geschlafen hatte, meinen engsten ‘Australien-Auslandssemester’ Freundeskreis bildet. V+P. Eine fast vergessene Wette. Sein Name neben dem ‘Ugly heart’ Schriftzug vervollständigt diese Erinnerung. Eine Zeit, auf die wir mit einem Glas Wein anstoßen. Ein Wein, der im Vergleich zum australischen ‘Goon’ wie eine teure Spätlese wirkt.

Zürich Skyline Ausblick

Leuchtende Häuserfassaden, der Duft von heißem Glühwein, der scheinbar die Züricher Einwohner jegliches Gefühl für Geld vergessen lässt und vermutlich angetrunkene Männer, die durch filmreife Stürze auf der kleinen Schlittschuh-Bahn versuchen, die umherstehenden Frauen zu beeindrucken, lassen keinen Zweifel. Die Weihnachtszeit hat begonnen. Meine Ohren vernehmen ‘Let it snow’ aus einer weit entfernten Ecke. Ich muss an meinen ersten Blog Beitrag zurückdenken. An den Beginn einer Reise, die nunmehr schon über 7 Monate zurückliegt.

Weihnachtsmarkt Zürich

Weihnachtsmarkt Zürich

Berna, eine meiner besten Freunde aus Studentenzeiten, ist vor 2 Wochen nach Zürich gezogen. Ein weiteres Wiedersehen. Ich werde der erste Gast in ihrer neuen Wohnung sein. Ein erster Gast, den weder ich, noch sie erwartet hätten. Die letzten Tage in Zürich führen mit zu Kathy, einem Mädchen, das ich vor 1 Monat in Nord Norwegen kennengelernt hatte. Sie hat im November ihre Eltern in einem Landhaus in der Nähe von Zürich besucht. Ein altes Schild, beschriftet mit “Eier zu verkaufen” lässt erahnen, wie klein das Dorf, in dem sie lebt, tatsächlich ist. Es erinnert mich an meine Heimat. 

Sight seeing, Käse-Fondue und Netflix Dokumentationen während wir auf der Couch faulenzen. So lassen sich die beiden Tage, die wir zusammen verbracht haben, recht passend beschreiben. Kathy setzt mich am Mittwochmorgen an einer Tankstelle ab. Mein nächstes Ziel: Eines der teuersten und exquisitesten Skigebiete der Schweiz am Fuße des Matterhorns. Zermatt. Mein nächster Couchsurfing Host ‘Corina‘ erwartet mich gegen Abend. Ich werde sie um einen Tag vertrösten müssen. Aber dies weiß ich natürlich noch nicht, als ich an diesem Mittwoch in Zürich nahe des Flughafens dutzende Autofahrer nach einem Lift fragen werde. Eine Mitarbeiterin schenkt mir einen Becher Tee, ein Taxi Fahrer drückt mir ein Croissant in die Hand und eine ältere Dame bringt mich nach 2 Stunden zu einem besseren Spot. “Ich nehme normal nie Tramper mit, aber du warst mir sympathisch“. Ein Satz, der mich glücklich stimmt. Ein Satz, der meine Freunde zu Hause mit Sicherheit lachen werden lässt.

Wasserfälle Schaffhausen Schweiz

Ein Lift, der mich mit einem überzeugendem “Ich kenne einen perfekten Rastplatz für dich, jeder der dort anhält, fährt in Richtung Süden” zu einem denkbar ungünstigem Trampspot lockt, macht meine ‘geplante‘ Ankunft zunichte. Plötzlich eintretender, chaotischer Schneefall macht mein Vorhaben nicht leichter. Nach 6 Stunden entschiede ich mich dazu, wieder in die umgekehrte Richtung zu trampen. Auf der Suche nach einem besseren Spot lande ich erneut in der Nähe von Bern. Ich schlage mein Zelt vor einer bildhaft schönen Kulisse auf, geschützt vom durchgängig beleuchteten Toilettengebäude. Eine Nacht, die mich mit ihren Minus-Temperaturen an Norwegen erinnert. Ich vermisse Norwegen nicht.

Trampen in der Schweiz

Trampen in der Schweiz

Die Angst davor, von der Polizei unsanft geweckt zu werden, treibt mich am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang aus dem Zelt. Nachdem ich mein Zelt zusammengepackt habe, spüre ich nicht einmal mehr meine Fingerkuppen. Eine nette Dame steckt mir einen Schokoriegel zu und wünscht mir viel Erfolg. Ich würde ihr gerne erzählen, dass ihre Wünsche tatsächlich gewirkt haben. 5 Minuten später spreche ich einen LKW Fahrer an. “Excuse me, deutsch? Francais? Ahh okay, fahren sie zufällig nach Montreux? Ich versuche nach Zermatt zu trampen”, frage ich in höflichem Ton. Mittlerweile spricht der Großteil der Autofahrer Französisch statt Deutsch. Ein leises Lachen… “Scheinbar ist heute dein Glückstag. Ich muss in Zermatt eine Ladung Stahl abholen”, sagt der LKW Fahrer, dessen Name ich selbst nach dreimaligem Nachfragen nicht verstehen konnte.

Trampen in der Schweiz

Glückstag. In der Tat, denn auch mein Host in Zermatt stellt sich als wahrer Glücksgriff heraus. Aber darüber werde ich das nächste Mal mehr erzählen…

Bis dahin bin ich auf der Suche nach weiteren Erinnerungen. Seien es Frauen, die mit Hallelujahs um sich werfen, ungewöhnlichen Hochzeiten, wahrhaften Engel, verflossenen Reisebekanntschaften, oder hässliche Herzen. Außerdem steht meine Reise vor einem großen Wendepunkt. Eine neue Richtung, ein neues Abenteuer, das aufregender nicht sein könnte. Ein Abenteuer, das momentan noch ungewiss ist. Ein Abenteuer, von dem ich euch auch im nächsten Beitrag erzählen werde. Dem vorerst letztem Beitrag, bevor ich über Weihnachten und Silvester nach Hause trampen werde.