Hallelujah

‘..Hallelujah!….Oh mio dio..Hallelujah….’

Das war das Einzige, das sie sagte. Oder zumindest das Einzige, das ich verstehen konnte. Ich schaue nervös in Richtung des Tachos. Ist sie wahnsinnig? ‘Hallelujah!’.

Ich bin in meinem Leben bisher ungefähr 10000 km getrampt, wurde von ungefähr 200 verschiedenen Personen mitgenommen, aber dashier, dashier wird wohl so ziemlich alles in Sachen ‘Verrückheit’ übertreffen. Wie es dazu gekommen ist? Nunja, lasst uns 3 Tage früher beginnen. In Graz, Österreich.

Es ist Dienstag, der 2te Mai. In der Innenstadt von Graz lerne ich Gleana kennen. Ein Mädchen aus Venezuela, das momentan versucht, ein deutsches Visum zu bekommen. Mir wird einmal mehr bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, einen deutschen Reisepass zu besitzen. Während wir im Park auf einer Wiese liegend die Sonnenstrahlen genießen, stellt sich heraus, dass Gleana Donnerstags nach Venedig will…per Bus…für 1en Tag. Okay Daniel, denk nach. Du willst Mittwochs nach Florenz trampen. Du wirst definitiv einen Zwischenstopp machen müssen, da die Stecke zu lang ist. Venedig liegt so ziemlich genau in der Mitte. “Hast du nicht zufällig Lust, mit mir zusammen morgen nach Venedig zu trampen?” Es war nicht wirklich schwer sie zu überzeugen und so stehen wir beide gemeinsam am Mittwochmorgen in Graz und versuchen ein Auto anzuhalten, während wir dem Regen trotzen. Aus Graz heraus zu trampen soll angeblich sehr schwer sein und von daher war ich froh, diesmal Gesellschaft zu haben. Und außerdem, ein gut aussehendes Latino-Mädchen sollte die Chancen beim trampen doch bestimmt erhöhen, oder?

Ich schätze schon, denn nach 1 1/2 Stunden hält Alex an. Ein 25 jähriger Österreicher, der einen umgebauten Van fährt. Sein rechter Arm ist komplett mit Disney Tattoos bedeckt. Ich erkenne Winnie Puh auf dem Unterarm. Cooler Kerl. Alex nimmt uns nicht nur für 150km mit, sondern bietet uns auch an, mit zu seinem Haus am See zu kommen. Wir müssen leider ablehnen, da Gleana zeitlich gebunden ist, aber ich will auf jeden Fall vorbei schauen, sobald ich Italien wieder verlasse. Während ich ein paar Geschichten aus Neuseeland erzähle, fängt Gleana an zu schlafen. Ich konnte es ihr ehrlich gesagt nicht übel nehmen, da der hintere Teil des Vans aus einer einzigen Matratze bestand. Hab ich eigentlich bereits erwähnt, dass ich gerne Bilder von schlafenden Menschen mache?

Machs gut Alex, bis nächste Woche! Er liefert uns an einer großen Tankstelle ab. Gleana benutzt ihren Lippenstift um Herzen auf unser Italien Pappschild zu malen, ich suche meinen Lautsprecher, der irgendwo in den unendlichen Weiten meines Rucksacks sein muss und die ersten Sonnenstrahlen brechen langsam durch die immer heller werdende Wolkendecke. Wir tanzen zu spanischer Musik, genießen das leichte Brennen der Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern und winken mit unserem Italien-Schild den vorbeifahrenden Autos entgegen. Genau so sollte sich Trampen anfühlen. Es wird sogar besser, als ein wenig später 2 Jungs aus Österreich anhalten und uns eine Fahrt zur italienischen Grenze anbieten. Die Beiden hatten übrigens noch etwas Schnitzel übrig. Ich kam also über Umwege doch noch dazu, Schnitzel aus Österreich zu probieren.

Als die beiden Jungs uns an einer Raststätte absetzen, bin ich leicht skeptisch. Ich erkenne mittlerweile einen guten Platz zum Trampen binnen weniger Sekunden. Dieser Rastplatz war es definitiv nicht. Kaum Autos und 2 verschiedene Ausgänge zur Autobahn. Wie auch immer, der Ausblick hier war so unglaublich, dass mir dies alles vollkommen egal war. Es war kurz und knapp der schönste Ort, an dem ich je getrampt habe.

An uns fuhr ungefähr alle 10 Minuten 1 Auto vorbei. Scheißegal. Der Rastplatz hier ist so unglaublich schön, ich würde mich wohl sogar freuen hier mein Zelt aufzuschlagen, in der nahe gelegenen Tankstelle eine billige Flasche Wein zu kaufen und meine Nacht vor dem Panorama der Alpen zu verbringen. Dies sollte jedoch nicht passieren, denn um  7 Uhr hält Martin, ein 33 jähriger Mann aus Tschechien an. Dreadlocks bis zu den Knien und ein Hund namens Loco. Stilvoller Lift! Martin fährt mit seinem Van durch Europa, besucht verschiedene Freunde und verdient sein Geld mit Straßenmusik in der Zeit, in der er nicht in England als Gärtner arbeitet. Er hat uns nicht nur bis zu seiner Zieladresse mitgenommen, sondern für uns sogar 60 km Umweg gemacht, um uns gegen 11 Uhr abends direkt vor dem Haus unseres Hosts in Venedig abzusetzen. Achja, Gleana hatte an unserem letzten Rastplatz spontan eine Couchsurfing Zusage bekommen. Der nette Mann hieß Luca und war einer der herzlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Statt Schlafen im Zelt hieß es also warme Dusche und gemütliches Bett. Luca hat mir außerdem erzählt, wo man 3kg Tabak für 15 Euro in Bosnien kaufen kann. Vielleicht muss ich doch nicht aufhören zu rauchen haha.

Ich will nicht viel über Venedig reden um ehrlich zu sein. Es war genau wie ich es mir vorgestellt habe. Voll mit Touristen, überteuerten Gondelfahrten und Pizza. Pizza, die natürlich auch absolut überteuert ist. Außerdem hat es stark zu regnen angefangen, als wir auf Venedig ankamen. Und selbstverständlich hatte ich weder Regenjacke, noch Regenschirm dabei. Falls du mehr über Venedig erfahren willst, empfehle ich dir den Film ‘The Tourist’ mit Johnny Depp. Nun verstehe ich auch die Ironie im Filmtitel. Aber Achtung, der Film ist schlecht. Lasst mich also ein wenig nach vorne springen.

Es ist Freitag morgen, Luca und ich trinken gemeinsam Kaffee, bevor er mich um 11 Uhr in der Nähe der Autobahnauffahrt – falls ihr euch wundert, was aus meiner weiblichen Begleitung wurde; Gleana hat Donnerstagnacht einen Bus zurück nach Österreich genommen, um ihr Visum zu beantragen – an einem perfekten Platz zum trampen absetzt. Zumindest war er das, bis eine Stunde später die Polizei vor mir steht. Scheinbar ist es illegal in der Nähe von Autobahnen zu trampen. Macht soweit Sinn, da es wesentlich sicherer ist, die Autobahnauffahrt zu Fuß zu überqueren, um Richtung Innenstadt zu gelangen. Nach ungefähr 30 Minuten hatte ich einen annehmbaren Platz zum trampen gefunden. Mir war klar, dass der Platz sehr schlecht war, aber es war der einzige, den ich zu Fuß erreichen konnte.

Nach nur 4 Stunden hielt dann auch das erste Auto an. Das ganze hat mich stark an Trampen in Japan erinnert, da der nette Mann kein Wort Englisch sprach. Egal, zu diesem Zeitpunkt war es mir ehrlich gesagt egal wohin ich mitgenommen werde. Hauptsache weiter in Richtung Florenz – Ich hab meinem Fahrer also blind vertraut. 10 km später stellt sich heraus, dass dies wohl nicht die beste Idee war. Er brachte mich nicht auf die Autobahn, sondern an die Landstraße, die Richtung Florenz führt. Nunja, ich steige aus seinem Auto aus, schaue auf meine Uhr..4 Uhr… und ich bin genau 10 km näher an Florenz als 5 Stunden zuvor. Mir wird klar, dass dieser Freitag wohl ein sehr langer Tag werden. Zumindest gibt mir der Mann bevor ich aussteige einen Zettel mit den Namen der Städte, die ich durchqueren muss um nach Florenz zu kommen.

Soweit so gut, ich muss also nur weitere 5 Schilder schreiben und alles wird gut. Es wird schon irgendwie funktionieren über die Landstraßen zu trampen, oder? Und ja, um ehrlich zu sein war ich sehr überrascht, als ein paar Minuten später das erste Auto angehalten hat um mich nach Padova, die erste Stadt auf meiner Liste, zu fahren. Ich fühlte mich wie Uma Thruman nachdem Sie O-Ren Ishii getötet hatte. Nur noch 4 weitere Namen, die ich von meiner Liste streichen musste.

Zu diesem Zeitpunkt war mir jedoch noch nicht klar, dass mein 2ter Lift keine Ahnung von Trampen hatte. Er überzeugte mich davon, dass der IKEA Partplatz ein guter Ort ist, um nach Bologna zu trampen. Ich vertraute Ihm also, ich mein was blieb mir auch sonst schon übrig. “Bologna? Um Gottes Willen. Hier sind eigentlich nur Leute aus der näheren Umgebung unterwegs” sagte die nette Dame an der IKEA Information. Die Tatsache, dass mich hier jemand zum Trampen abgesetzt hatte sorgte zumindest bei ihr und ihren Kolleginnen für gute Stimmung. Immerhin wurde mir hier bei IKEA liebend gern mit Pappe für neue Schilder ausgeholfen. Ich schätze sogar, dass dies das größte Trampschild aller Zeiten werden wird. Und ja, zu diesem Zeitpunkt kann man definitiv von Galgenhumor sprechen.

Um die Geschichte etwas abzukürzen: In den nächsten 3 Stunden wurde ich 3 weitere Male mitgenommen, kam jedoch nur 30 km näher zu Florenz. Ich endete an einer Tankstelle, die ca 20 km vor Rovigo lag. Ich hatte also noch nicht mal die 2te Stadt auf meiner Liste erreicht. Es hielten zwar 2 Autos an, aber im ersten saß eine Prostituierte, die mir Sex anbot und im zweiten wurde ich gefragt, ob ich Grass oder Koks kaufen will. Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, hätte ich das ganze mit Sicherheit mit mehr Humor genommen. Es war halb 9 Abends, die Sonne ging langsam unter und es wurde immer dunkler. Florenz war immnoch 250 km entfernt. Unmöglich, oder was würdest Du sagen?

Aber dann kam es zu einer interessante Wendung. Gott sendete mir ein Hallelujah!

Ein teurer Mercedes hält neben mir an, eine etwas ältere Frau springt aus dem Fahrzeug und beginnt mit mir auf italienisch zu sprechen. Ich konnte kein Wort verstehen, mir wurde aber klar, dass sie will, dass ich zu Ihr ins Auto steige. Warum denn auch nicht…mal schauen wo ich hier landen werde. Als ich ihr irgendwie klar machen konnte, dass ich heute noch nach Florenz will, versteht die nette Dame, Miriam war übrigens ihr Name, die Welt nicht mehr. Jeder 2te Satz beginnt oder endet mit “Hallelujah” oder “mio dio”. Und sie hört einfach nicht auf zu reden. Ich habe keine Ahnung was hier gerade passiert und ich breche plötzlich in lautes Gelächter aus. Das ganze war wohl meiner Übermüdung und dieser verrückten Situation geschuldet. Die Tatsache, dass sie 100 kmh in einer 50er Zone gefahren ist machte das ganze sogar irgendwie noch lustiger. Plötzlich hielt sie vor einem Haus an. “Mi Casa” – das konnte ich verstehen. Das Haus sah teuer aus, passt also zum Auto. Das muss also Ihre Wohnung sein. Miriam rannte ins Haus, während ich im Auto wartete und kam wenig später mit Ihrem Sohn zurück.

Dieser hat etwas Englisch gesprochen und so langsam wurde mir klar, was hier passierte. Scheinbar hatte ich bei Miriam Mutterinstinkte ausgelöst und sie hatte furchbare Angst, dass mir etwas passiert. Sie bestand also darauf, mich 100km nach Bologna zu fahren, um von dort aus ein Zugticket für mich nach Florenz zu kaufen. Ich konnte Sie nicht davon abbringen und so fuhren wir weitere 60 Minuten nach Bologna. Weiterhin mit überhöhter Geschwindigkeit und weiterhin mit einem italienischen Monolog. Als wir in Bologna ankamen, ging Sie sogar mit mir in den Bahnhof. Sie war wohl davon überzeugt, ich sei ohne Sie verloren, da ich kein Italienisch reden konnte. Der letzte Zug war leider schon gefahren und so gingen wir zusammen auf die Suche nach einem Nachtbus. Ich überspringe an dieser Stelle ca 90 Minuten, in denen Miriam wie eine verrückte durch die Stadt fuhr, mitten auf Hauptstraßen und in Kreiseln anhielt, um Passanten nach dem Weg zu fragen und ich überspringe sogar den Teil, in dem ich einfach das Auto mit meinem Rucksack verlassen habe weil mir das ganze zu verrückt wurde. Miriam war übrigens ein paar Minuten später plötzlich wieder bei mir, diesmal zu Fuß. Irgendwie haben wir dann tatsächlich die Busstation gefunden und irgendwie fand Miriam heraus, dass um 12 Uhr Mitternacht ein Flixbus nach Florenz fährt. Ich konnte Sie nicht davon abhalten, mein Ticket zu zahlen und so verabschiedete ich mich, unendlich erschöpft aber auch unendlich dankbar.

Das war es also. Ich war auf dem Weg nach Florenz und als ich um 2 Uhr morgens Alice an der Bus Station umarmte, fühlte sich das ganze doch schon sehr nach einem Wunder an. Alice ist übrigens das Mädchen, das ich in Graz beim Couchsurfen kennengelernt habe.

Über Florenz werde ich in meinem nächsten Beitrag berichten. In ein paar Stunden fahren wir an die Westküste zum Strand, werden nach einer schönen Ecke suchen und dann irgendwo am Meer Wild-campen. Diesmal hoffentlich ohne Eingriffe der Polizei.

Morgen wollen wir dann zurück nach Florenz trampen. Es sind zwar nur 100km aber wenn ich an meine bisherigen Erfahrungen in Italien zurück denke, wird das Ganze bestimmt wieder lustig.

Am Mittwoch gehts dann weiter Richtung Slowenien. Und irgendwie hab ich ein wenig Angst, nochmal 700 km durch Italien zu trampen.

 

Ciao Ciao