Atmen

Einatmen…..ausatmen…..

Nachdem ich Alice auf Wiedersehen gewünscht habe, schlendere ich in Richtung der Bahnstation. Du musst verstehen, Trampen aus einer Stadt heraus ist nicht so einfach wie es sich anhören mag. Normalerweise muss man, um an einen geeigneten Spot in Autobahnnähe zu gelangen, einen Bus oder auch eine Bahn nehmen. Meistens frage ich zufällig Passanten nach einem geeigneten Ort zum Trampen, diesmal vertraue ich jedoch auf Hitchwiki. Ein Wikipedia voller Informationen zum Trampen, leider auch voller Unsinn, wie sich später herausstellen wird.

Das kann nicht deren Ernst sein….ich soll diese Brücke überqueren?” Es stellt sich heraus, dass der Fußweg hin zur auf Hitchwiki beschriebenen Raststätte einen kostenlosen Abenteuer-Trip beinhaltet. Kein Fußgängerweg, eine unübersichtliche Straße und sehr schnell fahrende Autos. Nein, ich bin nicht dazu bereit mein Leben zu riskieren. Scheiß auf diese Raststätte. Zu diesem Zeitpunk habe ich jedoch noch keinerlei Idee, in welcher Situation ich mich ungefähr 24 Stunden später wiederfinden werde.

Einatmen….ausatmen…..mein Herz schlägt langsamer, es kommt zur Ruhe….

Ein Blick auf meinen treuen Begleiter, Google Maps, einen Burger King Kaffee und einen einstündigen Fußmarsch später erreiche ich einen neuen Tramp-Spot. Direkt auf der Einfahrt zur Autobahn. Erfolglos. Aber alles in Ordnung. Es waren nur 3 Stunden. Ich hab noch haufenweise Zeit. Lasst mich einfach nach einem neuen Ort suchen. Ich frage mich ob es noch einen anderen, ungefährlicheren Weg zu der in Hitchwiki beschriebenen Tankstelle gibt, ohne dabei diese Brücke zu überqueren….Google maps….. ok, ich glaub ich habe es. Nur eine weitere Stunde Fußweg. Die Sonne knallt weiterhin erbarmungslos auf meinen Körper herab. Die Bräune auf meinen Armen nenne ich mittlerweile Hitch-Hiker-Bräune. Außen braun, innen weiß. Der Schweiß läuft mir übers Gesicht, meine Füße schmerzen bei jedem Schritt. Vielleicht doch keine so tolle Idee meine Flip-Flops zu tragen. Ich wechsele auf normale Sneaker. Ich bin erschöpft, jedoch weiterhin optimistisch… obwohl es bereits 16:00 ist und ich immer noch kein Stück näher zu Österreich gekommen bin. Es ist eine zwielichtig ausschauende Seitengasse, in der ich etwas finde, das mich all dies für einen Moment vergessen lässt. An diesem unscheinbaren Ort werde ich einen ‘Tramper-Schatz’ finden.

Am Morgen in Florenz hatte ich vergessen, nach weiterer Pappe für meine Schilder zu fragen. Daher fühlt sich mein Fund doch sehr nach Schicksal an. Die anderen Fußgänger werfen mir verdutzte Blicke entgegen, als ich mir einem breiten Grinsen die Pappkartons zerreiße. Es sind die kleinen Dinge im Leben. Nachdem ich über ein paar Zäune geklettert bin und mir meine Fußknöchel an Dornen in meterhohem Graß mehrfach aufgeschnitten habe, erreiche ich endlich die Tankstelle. Ich habs geschafft, ich stehe auf der verdammten Raststätte. 2 Lifts und 250 Kilometer später stehe ich in der nähe von Venedig. An einer neuen Tankstelle. Zumal auf dem Highway, der aus Italien heraus führt. Ich bin vollends zufrieden mit dem Tag und entscheide mich dazu, mein Zelt aufzuschlagen. Es ist bereits halb 10 und es besteht keine Notwendigkeit, im Dunkeln zu trampen. 250km ist eine super Distanz für einen Tag. Zumindest in Italien. Da ich nicht genau weiß, ob das ganze legal ist, verstecke ich mein Zelt so gut wie möglich. Morgen stehe ich früh auf und werde Italien mit Leichtigkeit verlassen.

Ich werde es nicht.

Einatmen……ausatmen…..ich fühle wie meine Lunge langsam die Luft aufwärts in Richtung Mund drückt.

Ich stehe um 8 Uhr morgens auf. Begleitet von den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos und Lastwagen putze ich mir die Zähne. Ein Geräusch, das sich für mich wie Heimat anfühlt. Ein Geräusch, das mich beruhigt. Ein Geräusch, das dafür sorgt, dass man keinen erholsamen Schlaf hat. Meine stets optimistische Einstellung wird mit einer schweren Bewährungsprobe konfrontiert. Kein Auto stoppt in den ersten 5 Stunden. Es wird außerdem kalt und windig. Kombiniert mit meinem Schlafmangel fühle ich mich, als würde ich Fieber bekommen. Ob es sich wohl nur so anfühlt, oder ob ich tatsächlich Fieber bekomme? Ich kann es nicht sagen. Ehrlich gesagt würde es auch nichts an meiner Situation ändern. Ich sitze an einer Tankstelle fest, die ich ohne Auto nicht verlassen kann. Also weiter machen. Auch wenn es sich mit jedem vorbeifahrenden Fahrzeug immer schwerer anfühl, die Mundwinkel zu einem sympatischen Lächeln zu formen. Ich muss an diesem Tag oft vergebens lächeln.

Um 2 Uhr Mittags hält dann endlich das erste Fahrzeug an. Er will mich 20 km Richtung Venedig mitnehmen und mich dort an der Autobahnauffahrt absetzen. Ein schlechter Plan und ich weiß dies ganz genau. “Ja, bitte” sage ich. Ich will weg von diesem Rastplatz. Ich kann ihn nicht mehr sehen. 20 Minuten später stehe ich an der Autobahnauffahrt, direkt vor den Schranken, die den Beginn einer Maut-Strecke einläuten. Hier muss einfach jemand anhalten.

Einatmen….ausatmen….Ich gehe in die Hocke um meinen Beinen das leichte Gefühl von Entlastung zu geben. Es hält nur für einen Moment, aber sie danken es mir.

Ich habe vielen Leuten von der perfekten Tramp-Situation erzählt. ‘Wenn du an einer verlassenen Straße in der Mitte von Nirgendwo stehst und es anfängt zu regnen. Dies bedeutet einen sicheren Lift, weil die Autofahrer Mitleid mit dir haben. Scheinbar gilt das leider jedoch nicht für Italien. Ich werde hier für weitere 3 Stunden erfolglos warten. Ich bin komplett durchnässt, habe kalt und bin sehr enttäuscht. Ich kann ehrlich gesagt nicht richtig glauben, dass nicht mal einer der Autofahrer das Bedürfnis empfindet, mir zu helfen. Und ich sehe definitiv so als, als könnte ich etwas Hilfe vertragen. 35 Stunden auf der Straße, Toast mir Marmelade als einziges Nahrungsmittel und eine Nacht an der Tankstelle haben definitiv ihre Spuren hinterlassen. Ich werfe voller Verzweiflung einen weiteren Blick auf Google Maps. Ich muss zugeben, dass es mich sehr unerwartet trifft, als einer der Namen in mir ein bekanntes Gefühl auslöst. Eine Name, der nicht weit von meiner derzeitigen Position entfernt steht.

Heilige *!#*+!, das ist der Ort an dem Luca wohnt! Luca war der nette Mann, bei dem ich vor 2 Wochen in Venedig übernachtet habe. Es braucht nur eine kurze Nachricht und Luca lädt mich zu ihm nach Hause ein. Er rettet mir meinen ‘Hintern’. Nur eine weitere 7 km Wanderung. Ich kann es nicht erwarten endlich eine richtige Mahlzeit und eine warme Dusche zu haben. Also Beeilung! Leider führt der Weg dorthin über stark befahrene Landstraßen, ohne Seitenstreifen. Einen Tag zuvor wollte ich diese Gefahr nicht eingehen. Lustig wie schnell sich manche Dinge ändern. Die Autos auf meiner Seite müssen auf die Gegenfahrbahn ausweichen, um mich nicht zu erfassen. Bei den Geschwindigkeiten würde dies auch nicht gut für mich ausgehen. Ich bin so vorsichtig wie möglich. Ich wette jeder einzelne dieser Autofahrer würde mich gerne anhupen. Beim Anblick meines großen Rucksacks und meiner durchnässten Kleidung, scheinen sie es sich jedoch anders zu überlegen. Keine Hupe. Sie belassen es bei einem verwirrten Blick. Aber hey, die bin ich gewöhnt. Ich bin schließlich ein ‘Tramper’.

Einatmen….ausatmen….ich kann die Hitze an meinen Lippen fühlen. So, als seien diese kurz davor zu verbrennen. Meine Zigarette ist am Ende. Ich stehe auf, beobachte den Verkehr für ein paar Sekunden und fange an zu rennen.

Mein Weg hat mich an einen großen, viel befahrenen, dreispurigen Kreisel geführt. Der einzige Weg führt quer über den Kreisel, mitten durch die rasenden Autos. Mit Sicherheit nicht ungefährlich und als Autofahrer würde ich bei meinem Anblick definitiv den Kopf schütteln. Aber ich habe keine Wahl. Um 9 Uhr komme ich an Lucas Haus an. Es fühlt sich toll an ihn wieder zu sehen und er ist genauso gastfreundlich wie 2 Wochen zuvor. Ich entscheide mich dazu, eine weitere Nacht zu bleiben. Ich will mir einen Tag Auszeit nehmen. Ich kann es gebrauchen.

Am Samstag Morgen bringt Luca mich zum Highway bevor er zur Arbeit fährt. Es ist 7:30 und 230 km bis nach Österreich. Ich stehe am gleichen Spot wie 2 Wochen zuvor. Der Spot, an dem mich die Polizei aufgegabelt hatte. Dieses Mal fahren die Polizeiwagen einfach nur an mir vorbei. Leider tuen es ihr die übrigen Autofahrer gleich. Ich möchte nicht meinen Glauben an die italienische Straßen-Menschlichkeit verlieren. 6 Stunden später entscheidet sich die Zufallswiedergabe meiner  Lautsprecher dazu, Sia – Never give up zu spielen. Es ist 13.30 Uhr, es ist extrem heiß. Meine Gesichtsfarbe gleicht der einer Tomate, da ich es in 3 Wochen nicht geschafft habe, mir Sonnencreme zu besorgen.

Ich gebe auf.

Trampen Italien

Ein weiterer 8 km Marsch in das Stadtzentrum, weitere 5 Minuten um einen ‘Blabla Car’ Account anzulegen und ich habe einen Lift. Einen bezahlten Lift nach Österreich. Ich habe alles versucht, aber ich war nicht in der Lage, Italien per Anhalter zu verlassen. Ich bin ein wenig enttäuscht von mir selbst.

Gegen halb 12 abends erreiche ich Klagenfurt. Alex, der mich 2 Wochen zuvor in Österreich beim Trampen mitgenommen hatte, holt mich am Bahnhof ab. Er hatte mir angeboten, ihn in seinem Haus am See zu besuchen. Ich nehme das Angebot dankend an. Es ist ein ruhiger Ort. Ich liebe es. Es fühlt sich wie Reha nach den vergangenen 3 Tagen an.

Heute bin ich auf einen nahe gelegenen Berg gewandert. An der Kirche auf der Bergspitze kann man eine Glocke läuten. Die Wunsch-Glocke. Diese soll angeblich Wünsche erfüllen. “Ich wünsche mir, dass ich nie wieder in Italien trampen muss.” Nur ein Witz.

Ich habe mir jedoch in der Tat etwas gewünscht. Aber etwas komplett Anderes.