Kani

Samstag Morgen, ich stehe in Maun, einer verhältnismäßig großen Stadt nördlich von Botswana. Neben mir wedeln einige Einheimische mit ihren Händen, ihre Köpfe bedeckt mit wahlweise Hüten oder Handtüchern. Die Temperatur von 35 Grad im Schatten und eine 5 Kilometer Wanderung zum Trampspot hinterlassen ihre Spuren. Meine Nasenfarbe gleicht der eines Alkoholikers, welcher nach einer durchzechten Nacht in Richtung Bahnhof wankt. Mein T-Shirt gleicht dem von Forrest Gump, jedoch ist es Schweiß statt Matsch, der einzelne Partien hervorhebt.

Kurz darauf wird ein Auto anhalten. Ohne jegliche Vorahnung sollte dies mein zeitlich längster und auch abenteuerlichster Lift werden. Ein Lift, länger als mein Flug von Deutschland nach Südafrika, den ich so ziemlich genau vor 1 Monat angetreten habe.

Genau eine Woche zuvor, an einem ebenso heißem Samstag Mittag, sitze ich in einer Lounge am Eingang des Nationalparks, indem ich die höchste Sanddüne der Welt bestiegen habe. Die Sonne Afrikas lässt binnen Minuten die Wasser-Überbleibsel meiner kalten Dusche verdunsten, während ich auf der Suche nach Schatten schließlich auf einer alten Holzbank lande. “Kann ich auch eine Zigarette haben?”, fragt Riaan, einer der Park-Ranger. Als ich versuche, trotz schwitziger Hände eine halbwegs ansehnliche Zigarette zu formen, frage ich ihn beiläufig nach einem guten Ort zum Wildcampen. Ohne zu zögern lädt mich der Farbige, der für die Wartung der Außenanlage zuständig ist, zum übernachten in sein wenige hundert Meter entferntes Dorf ein. Ein Dorf, in dem sämtliche Mitarbeiter während der Saison untergebracht sin.

“Unter unser Haut hat unser aller Blut die gleiche Farbe”, erklärt Riaan und bietet mir an, mich nach seiner Schicht abzuholen.

Stunden später sitze ich mit ihm, seinem Freund Kelvin und sich abwechselnden Unbekannten in einer der Hütten. Als erfahrener ‘Roller‘, werde ich fast ununterbrochen gebeten, Joints zu bauen und werde im Gegenzug dazu mit kleinen Flaschen Vodka und Bier belohnt. Auf seinem Flachbildschirm, dessen Bildschirmdiagonale fast ein Drittel der Wohnung einnimmt, spielt Kelvin Musik aus Namibia vor.

Couchsurfing Namibia National Park

Die stellenweise deutschen Texte bringen mich dazu, deutsche Musik aus meiner eigenen Kindheit beizutragen. Durch einen Schreibfehler lande ich bei Samy Deluxe und erinnere mich an ASD. ‘Sneak Preview’Einer meiner damaligen Lieblingssongs. Mittlerweile hatte ich jedoch absolut vergessen, dass auch das Video in einer Wüste gedreht wurde. Wir rätseln über den genauen Drehort, bis uns gegen Ende die Antwort gegeben wurde. Gekonnte Videobearbeitung lassen die über 500 Jahre alten Bäume des Deadvlei brennen. Der Ort, der mir Stunden vorher die Sprache verschlagen hat. Kopfschüttelnd nehme ich diesen Zufall hin und schlafe wenig später auf dem Boden von Riaans kleiner Hütte ein.

Deadvlei Namibia Sesriem Wüste

Am nächsten Morgen werde ich das erste Mal ohne Ola trampen. Eine Dose Cola stimmt den Polizisten an der Schranke des Parkeinganges freundlich und ich werde höflich dazu gebeten, im Schatten Platz zu nehmen, während er die passierenden Autofahrer dazu überredet mich mitzunehmen. 10 Minuten später sitze ich bei Helge im Auto, einem 23 jährigem Deutschem aus Hamburg. Die 5 Stündige Fahrt bietet Raum für weitreichende Gespräche und stellt mich an einem Punkt vor eine interessante Gewissensfrage. Helge besucht seine Tante, die in Namibia eine große Lodge besitzt, in der Touristen für viel Geld auf Trophäenjagd gehen. Ich reagiere spontan mit Abscheu. Helge befindet sich selbst in dem Zwiespalt, in dem ich mich nach seiner folgenden Erklärung wiederfinden werde. “Für die Trophäenjagd werden alte Tiere ausgewählt, die vermutlich bald eines natürlichen Todes gestorben wären. Mit den enormen Geldbeträgen, die hier scheinbar fließen, wird dafür wiederum die Pflege der Übrigen ermöglicht und so letztendlich die Leben der restlichen Tiere gesichert”. Eine klassische ‘Heiligt der Zweck die Mittel’ Frage. Wobei wir beide bei besagter Angelegenheit sehr unschlüssig sind, sind wir uns bei unserer Zukunftsplanung recht einig. Helge will mit einem Freund eigenes Bier brauen und dies als Craft-Bier unter die Bevölkerung bringen. Sowohl Helge, als auch ich werden also versuchen, unser Leben durch ‘Das Betrunken machen Anderer’ zu finanzieren. Abends werden wir genau hierauf in Swakopmund anstoßen.

Trampen in Namibia

Swakop, eine Stadt in der Sanddünen auf einen kalten Ozean treffen. Eine Stadt, die mich gänzlich unbeeindruckt zurücklässt. Die Strandpromenade erinnert an Mallorca, sowohl wegen der Architektur, als auch der überwiegend deutschen Touristen. Sämtliche Ausflüge im Umland sind übermäßig teuer – eine Folge des ‘Reichen Safari Tourismus’. Trotzdem genieße ich 3 ruhige Tage mit meinen Hosts Jasana und Neil. Ihre kleinen Kinder halten mich auf Trapp, während wir Abends gegenseitig Rezepte austauschen.

Couchsurfing Swakopmund

Eine außergewöhnliche Begegnung gab es aber dann doch. Während in in einem der Cafes sitze, spricht mich eine ca 60 Jährige Deutsche vom Nachbartisch an. ‘Gutrun‘ stellt sie sich vor und beginnt binnen Sekunden damit, von meinen Tattoos zu schwärmen. Sie erzählt mir von ihrem Leben und schließlich davon, dass ihre Tochter, Isabelle, demnächst das Cafe, in dem wir gerade sitzen, übernehmen wird. Ich müsse Isabelle davon abgesehen auch unbedingt kennenlernen. Gutrun ruft einen der Straßenverkäufer, die typisch für Namibia Makalani Nüsse mit persönlicher Gravur verkaufen, herbei. Mein Geschenk, auf dem nicht nur nur der Name Isabelle, sondern auch ihre Telefonnummer schnitzen lässt. “Bitte, du musst sie unbedingt mal anschreiben!”. Ich hab in meinem Leben ja schon so einiges erlebt, aber das ist definitiv die bisher originellste Art, die Nummer eines Mädchens zu bekommen. Vielleicht werde ich ihr irgendwann einmal schreiben.

Mein Host Neil nimmt mich Mittwochs, am Unabhängigkeitstag von Namibia – scheinbar ist Namibia genau 1 Monat jünger als ich – in die Hauptstadt Windhoek mit. Ich buche mich spontan in ein billiges Hostel ein und bin seit Ewigkeiten mal wieder von mehreren Reisenden umgeben. Ein klassischer Hostel-Aufenthalt. Viel Alkohol, denn es gibt ja immer irgendeinen Anlass, Mädchen, die von meinen Haare schwärmen, 2 obligatorisch komische Gäste, die sich Nachts über den Lärm beschweren, ein pausenloser Austausch von Reisegeschichten, Jobangebote für meine zukünftige Bar und Spice Girls. 2 Nächte und ein paar Facebook Freunde später starte ich ein ambitioniertes Vorhaben. Ich will in 2 Tagen von Namibia, durch Botswana, nach Sambia trampen. 1500 km. Und hätte ich auch nur eine ungefähre Idee über den Zustand der dortigen Straßen gehabt, hätte selbst ich dieses Vorhaben als unmöglich abgestempelt. Trampen von Namibia nach Sambia – Ein Vorhaben, das mir am Ende dann doch auf wundersame Weise gelingen sollte.

Trampen Namibia Wolken

Bevor ich mit meinem Marathon starte, will ich jedoch noch ein 8 Tage altes Versprechen einhalten. Als ich mit Ola zum ersten Mal in Windhoek angekommen war, bestand unser Plan darin, mit einem Mietwagen in Richtung Sanddünen aufzubrechen – auf Grund der Aussage zweier Touristen, dass Trampen in diese Richtung unmöglich sei. Nach unserer Nacht an der Tankstelle hatten wir nach einem mittellangen Fußmarsch die Hallen einer großen Autovermietung betreten. Johan, der kräftig gebaute, stets lächelnde Besitzer der Vermietung serviert uns Kaffee und wird sich recht schnell darüber bewusst, dass wir keine gewöhnliche Kundschaft sind. “Hört mal ihr Beiden – ich sollte euch eigentlich ein Auto andrehen, aber ernsthaft. Trampt! Ihr werdet kinderleicht einen Lift bekommen”, sagt er und ruft einen seiner Mitarbeiter herbei. “Er wird euch zu einem Kaffee bringen, in dem das beste Frühstück Windhoeks serviert wird und von da lauft ihr zum Anfang der Autobahn.” 2 Stunden später stapfen Ola und ich entlang der vielbefahrenen Straße und lachen herzlich, als kurz vor Beginn der Autobahn ein weißer Pickup links anhält. “Da seid ihr ja wieder! Steigt ein, ich bringe euch zur Schranke und von dort bekommt ihr definitiv einen Lift. Ich sagte ja, man sieht sich immer zweimal im Leben – Ihr schuldet mir ein Bier!”. Leider werde ich Johan kein drittes Mal sehen. Ich kann mir jedoch zu gut vorstellen, wie er nach seinem Urlaub verdutzt vor seinem Schreibtisch stehen wird und daraufhin seine Mitarbeiter fragt, wo die Flasche Bier herkommt. “Ein langhaariger Tätowierter war da und meinte, dass du es verstehen wirst”, sagt einer der Mitarbeiter in meiner Phantasie und ich male mir aus, wie Johan lachend “Dieser Mistsack” sagen wird.

Der Marathon beginnt. Ein 5 Kilometer Marsch in Richtung Stadtausgang. 30 Minuten und das vierte, anhaltende Auto bietet mir einen 250 km Lift an. Er muss ein Fahrzeug, begleitet von neuer ‘Jesus-Musik’, testen. Ein weiterer 5 Kilometer Marsch in Richtung Stadtausgang. Pünktlich mit den ersten Regentropfen hält ein Pickup an. Auf der Laderampe liegend, den Pullover über mein Gesicht gezogen, versuche ich dem strömenden Regen und den Windböen zu trotzen. Weitere 150 km. Ich bin an der Grenze zu Botswana.

Nachdem ich den Grenzbeamten überzeugend darlege, dass ‘durch Botswana laufen’ eine tolle Idee ist, lässt der erste Lift nicht lange auf sich warten. Nochmal 150km. 2 Minuten läutet Kenedy meinen letzten Lift des Tages ein. Erneut 200 km und ich schlage wie so oft neben einer Tankstelle mein Zelt auf. Morgens werde ich mit einer der Angestellten reden. “Du hast dort im Zelt geschlafen? Hast du keine Angst vor den Schlangen?” – Ernsthaft?

Trampen Botswana Tankstelle

Der nächste Tag, ein schneller 300 km Lift. Ein weiterer 5 Kilometer Spaziergang und ich stehe mit mehreren Einheimischen an der Straße in Maun. Wir beschweren uns gemeinsam über die Hitze, als plötzlich ‘Kani‘ in einem weißen BWM am Straßenrand stoppt.

Für Alle, die mich privat nicht oder eher weniger kennen : Kani ist mein Spitzname, den ich seit Gymnasium Zeiten mit mir herumschleppe. Er resultiert aus einer meiner damaligen, oft getragenen Kleidermarken : Kani. Als mein Fahrer sich mit “Kani Kani” vorstellt, gefolgt von seinem Beifahrer, der sich mit “Fani Kani” anschließt, muss ich laut lachen. Ja ich weiß, das klingt selbst für meine Verhältnisse nach Schwachsinn. Aber ich schwöre euch, ich denke mir dieses Zeugs nicht aus! Aus diesem Grund habe ich es mir nicht nehmen lassen, ein Beweis Photo aufzunehmen.

Trampen Botswana

“Du hast echt Glück”, sagen die beiden Brüder, “Wir fahren die kompletten 700 km bis zur Grenze”. Kurz darauf bietet mir der ältere Bruder, Fani Kani, sogar einen Schlafplatz an. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht vermutet hatte, ist dass die Straße zu dieser Grenze einer extremen Mario Kart Rennstrecke gleicht. 30 cm tiefe Schlaglöcher sind keine Seltenheit. Nach ein paar Stunden macht die eintretende Dunkelheit, zusammen mit den sporadisch die Straße überquerenden Kühen, Eseln und Ochsen, das Unterfangen nochmal schwieriger. Auf halber Strecke passiert es schließlich. Kani Kani übersieht eine der Straßenfallen, der linke Vorderreifen dellt sich mit einem lauten knall ein und wir kommen in der Mitte der Straße zum Stehen. Unsere Taschenlampen sind das einzige Licht, das auf der völlig verlassenen Straße zu sehen ist. Im Hintergrund trompeten Elefanten, eine Gottesanbeterin macht es sich auf meinem Unterschenkel bequem. Ja, dashier fühlt sich tatsächlich wie Afrika an. “Keine Sorge, Löwen sind hier sehr selten”. Sehr beruhigend. Als wir das Ersatzrad aus dem Kofferraum hieven, stellen wir ungläubig fest, dass dieses auch platt ist. “Wir werden hier wohl bis morgen früh festsitzen”, sagt Fani, “Wenn du willst kannst du dein Zelt hinter dem Auto aufschlagen”. Doch plötzlich geschieht ein Wunder.

2 Scheinwerfer fern am Horizont. Ein Truck hält Minuten später an. Ein Fahrer aus Simbabwe. Falls es einen ‘Bear Grylls’ der Autopannen gibt, haben wir diesen hiermit gefunden. Anstatt seinen eigenen Urin zu trinken, macht er sich unverzüglich an die Arbeit und repariert unseren Reifen in einer Art und Weiße, die selbst MacGyver ins Staunen versetzt hätte. Der Gedanke an diese 30 Minuten läst mich selbst jetzt noch ungläubig schmunzeln.

1. ‘Autopannen Grylls’ findet unter seinem eigenen Fahrzeug ein langes, dünnes Stück Metall, welches er mit Hilfe einer Pfeile und einem Hammer, den er samt eines zweiten Hammers als Amboss benutzt, zu einer Art Pinzette umwandelt.
2. Den verdellten Felgen schlägt er anschließend mit einem dieser Hämmer wieder halbwegs in Form.
3. Er schleppt seine 2 Ersatzräder herbei. Mit Hilfe der gebauten Pinzette löst er die beiden Ventile von unserem kaputten und einem seiner funktionsfähigen Reifen.
4. Zu diesem Zeitpunkt wundert es mich schon nicht mehr, dass er woher auch immer plötzlich einen kurzen Gummischlauch hervorzaubert. Mit diesem verbindet er die beiden Ventile und durch den unterschiedlichen Druckt pumpt sein Ersatzrad unser defektes Rad mit Luft auf.
5. Es wiederholt das selbe mit seinem zweiten Ersatzrad und unser Reifen hat genug Luft, um die restlichen 200 km zu überbrücken.

Panne in Botswana

Wir 3 Kanis lachen verdutzt und können unser Glück kaum fassen. Während wir im Hintergrund immer noch Elefanten hören können, setzen wir die Fahrt fort. 3 Stunden später, nach einer insgesamt 15 Stündigen Fahrt, erreichen wir Fani Kanis Haus um halb 6 Morgens.
Aus dem Schlafangebot wird ein Kaffee und eine Dusche. Und ein Versprechen, ihm einen meiner alten Kani T-Shirts zu schicken, sobald ich zurück in Deutschland bin. Einen weiteren 5 Kilometer Marsch später stehe ich vor der Fähre, die Botswana und Sambia trennt. 1500 Kilometer in 48 Stunden. Warum ich mir diesen ganzen Wahnsinn antue? Manchmal weis ich darauf selbst keine Antwort. Eine Stunde später sitze ich in einem Krankenwagen, meinen Backpack auf der Trage festgeschnallt.
Warum ich mir diesen ganzen Wahnsinn antue? Ich schätze genau deshalb.