Der ewige Kreis

Fast 3 Wochen haben wir uns diesen Moment bildlich ausgemalt. Heute werden die Bilder mit Farbe gefüllt. Ein gänzlich mit Sternen bedeckter Nachthimmel, eine sich klar abzeichnende Milchstraße und raschelnde Baumzweige, die in der kühlen Abendbrise tanzen.

Das Leben hier ist ein Wunder
Alles neu, alles endlos und weit

Ich und Ola tanzen auf dem sandigen Wüstenboden, unsere Blicke in Richtung Firmament gerichtet. Afrikanischer Wein, Löwen, die unsere Feuerstelle umkreisen, und ein türkiser Bluetooth Lautsprecher. Der Moment, in dem wir zum ‘König der Löwen’ Titelsong singen. Unser Afrika Moment. Es sollte jedoch anders kommen.
Ich und Ola liegen auf dem sandigen Wüstenboden, unsere Blicke in Richtung Firmament gerichtet. Eine Flasche afrikanisches Bier, fremde Zelte, die unsere imaginäre Feuerstelle umkreisen und ein türkiser Bluetooth Lautsprecher. Der Moment, an dem wir dem ‘König der Löwen’ Titelsong zuhören.

Unsere Wege werden sich am nächsten Morgen unerwartet trennen.

Selfie Afrika

Genau eine Woche zuvor haben wir die Grenze zu Namibia überquert. “Ihr habt kein Auto?”, fragt der grimmige Grenzpolizist mit skeptischem Blick. “Wollt ihr durch Namibia füßeln?“. Genau, ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Ich und Ola füßeln kurz später in Richtung Highway, nutzen eines der Straßenschilder als Sonnenschutz und beginnen damit zu trampen.

Trampen Namibia

Namibia ist das am zweitwenigsten besiedeltes Land der Welt. Nach 10 Minuten sehen wir das erste Auto. Es bringt uns nach Grünau, der ersten Stadt, die auf Google Maps angezeigt wird. 8 Häuser und eine Tankstelle.
Namibia ist mehr als doppelt so Groß wie Deutschland. Deutschland hat 33 Mal so viele Einwohner wie Namibia. Umdenken.
Die niedrige Verkehrsdichte macht unseren ursrünglichen Plan, eine Nacht am größten Canyons Afrikas zu verbringen, zu Nichte. Genau 0 Autos in 6 Stunden.

Trampen Namibia

Stattdessen trampen wir nach Lüderitz, eine kleine Stadt am Ozean. Eine kleine Stadt, umgeben von einem großen “Sperrgebiet“. In dieser Region wurden vor 100 Jahren riesige Diamanten entdeckt. Unsere Zeit in Lüderitz wird von 2 Begegnungen geprägt. Sami und Phil.

Sami, ein 28 jähriger Farbiger, lädt uns auf ein Glas Wein in seine Wohnung ein, als wir durch die Straßen schlendern. Rotwein mit Eiswürfeln. Glücklicherweise ist meine Reisebegleitung nicht aus Frankreich. Samis ungepflegter 3 Tage Bart erinnert mich an mein früheres Ich. Seine Arbeitskleidung erinnert mich an Western Cartoons.

Menschen in Namibia

Eine 25 jährige, ehemalige Schulfreundin, leistet uns samt ihres 3 jährigen Kindes Gesellschaft. Die lange Hose des kleinen Mannes verdeckt eine große Infektion am Oberschenkel. “Die örtlichen Ärzte können nicht helfen und für einen Spezialist fehlt das Geld”, sagt die, für europäische Verhältnisse, sehr junge Mutter. “Wir hatten vor einer Weile tatsächlich einen Termin im Krankenhaus, mussten diesen aber absagen, da mein Mann einen Tag zuvor bei einem Autounfall gestorben ist”. Ich muss zwangsläufig an den Instagram Beitrag einer Bekannten vom Vortag denken.

“Wenn du Schmerzen hast und der einzige Arzt im OP ist und du deshalb 2 Stunden warten musst #WillkommenInDeutschland”. Einer dieser Momente, in denen ich mich für mein Heimatland schäme.

Ein paar Stunden später sind es nur noch Ich, Ola und Sami, die in seiner fast gänzlich leeren Wohnung auf einem improvisierten Bett sitzen. Sami zeigt uns einen alten Liebesbrief und eine Kerze, bedruckt mit dem Bild seiner 1 jährigen Tochter. Einer Tochter, die er vor 3 Jahren bei einem Autounfall verloren hat. “Ich hab jetzt eine neue Tochter, auf die ich aufpassen muss”, erklärt Sami. “Entschuldige die Frage, aber benutzt ihr hier eigentlich auch Kondome?”, wirft Ola ein und schafft es somit, elegant das Thema zu wechseln. Wir alle lachen.
Tatsächlich erhält man in Namibia in allen Clubs und Bars umsonst Kondome. Kondome, die von dem Ministerium für Sicherheit gesponsert werden.

Abendessen namibia

“Entschuldigung, wollt ihr eine Pizza aufs Haus?”, fragt uns die etwa 60 jährige, blonde Besitzerin des lokalen Restaurants ‘Ritzis‘. Sie wird uns im Laufe des Gespräches ihren Sohn Phil vorstellen. Ein junger, blonder Mann, desses Gesicht nach ‘Surfer’ und dessen Bauch nach ‘Pizza’ schreit. Er lädt uns am Folgetag auf eine 5 stündige Tour zur ‘Geisterstadt‘ und ein paar Spots in der Umgebung ein. Kohlmannskuppe ist der Name der Stadt, in der vor 100 Jahren ungefähr 300 Deutsche und 800 Sklaven gelebt haben. Beim Bau der Eisenbahn hatte einer der farbigen Arbeiter einen ihm unbekannten, glitzernden Stein gefunden und diesen seinem Vorgesetzten gezeigt. “Hört auf mit den Schienen, sucht stattdessen zu nach diesen Steinen”, lautete die Anweisung des deutschen Kommandanten. Er wurde über Nacht zum Millionär.

Trotz der lebensfeindlichen Bedingungen wurde die kleine Stadt zu einer der Reichsten der Welt. Champagner war billiger als Wasser, Prostituierte wurden mit Diamanten bezahlt. Sklaven suchten auf allen Vieren in der Wüste nach Diamanten, bevor der technologische Fortschritt den Einsatz von Maschinen ermöglichte. 1960 waren die Diamanten-Vorräte um Kohlmannskuppe erschöpft und die Bewohner verließen innerhalb kürzester Zeit die Stadt.

Kohlmannskuppe Nanimibia Gesiter Stadt

Kohlmannskuppe Nanimibia Gesiter Stadt

In einem der Häuser stehen Ich, Ola und Phil vor einer Wand, gefüllt mit Buchstaben und mathematischen Zeichen…T+L, D+P, Tarja+Dominik, 2008…Eine schreckliche Angewohnheit von Touristen. Wir verbringen mindestens eine halbe Stunde damit, uns Geschichten über die uns unbekannten Personen auszudenken. “Ich war hier schon oft”, erklärt Phil, “aber ich habe noch nie so viel Unsinn wie mit euch geredet“, hängt er lachend an. Seine weitere Tour führt uns zu seltsam gefärbten Pfützen, nicht gefärbten Flamingos, normal gefärbten Leuchttürmen und einem nach Weed riechendem Strand.

Natur Namibia Lüderitz

Natur Namibia Lüderitz Flamingos

Lüderitz Namibia

Scheinbar werden die Menschen Richtung Norden gläubiger. Unser Lift aus Lüderitz in Richtung Hauptstadt spielt interessante Musik. Musik über Jesus und Gott. Begleitet von abwechselnden Techno Beats, beschreiben die Songtexte, wie überragend Jesus ist. 3 Stunden lang. An einer der Tankstellen versorge ich mich und Ola mit Kaltgetränken. Die Blicke der beiden jungen Kassiererinnen, richten sich auf meine tätowierten Arme. Mein Blick richtet sich auf die Anzeige der Kasse. Wohingegen bei uns in Deutschland meist etwas wie ‘Guten Tag’ steht, bevor der zu zahlende Betrag angezeigt wird, lese ich hier ‘Jesus lebt’. Weniger gläubig wirkt der Heckfenster-Aufkleber eines Taxis, das ich wenig später sehen werde. “Liebe jeden, aber vertraue keinem”. Sehr passend.

Nach einer weiteren Nacht an einer Tankstelle trampen ich und Ola in Richtung Namib Wüste. 2 Lifts später erreichen wir den Eingang des Nationalparks im Auto eines französischen Pärchens.

Trampen Namibia

Rechtzeitig zum Sonnenuntergang erreichen wir die Spitze einer nahe liegenden Sanddüne.

Ein Ort, an dem Alex und Lisa verliebt die langsam verschwindende Sonne bestaunen.

Ein Ort, an dem ich verzweifelt versuche, überdimensonal große Ameisen daran zu hindern, meine Beine zu erklimmen.

Ein Ort, an dem Ola sich dazu entscheiden wird, ihre Reise vorzeitig zu beenden.

Namib Wüste Namibia

Wir Beiden haben uns in letzter Zeit immer öfters eingestehen müssen, dass wir nur mit einem Teil unserer Gedanken in Afrika sind.  Es ist interessant, wie maßgebend eine geliebte Person die Erfahrung auf einer derartigen Reise verändern kann.

“Ich muss heim. Ich sehe diese atemberaubende Landschaften und trotzdem. Ich bin stets mit meinen Gedanken bei meinem Ehemann”, sagt Ola und verabschiedet sich 10 Stunden später mit einer Umarmung.

Namib Wüste Namibia

Namib Wüste Namibia

Namib Wüste Namibia

Namib Wüste Namibia

Ich verstehe Ola nur zu gut und habe auch für mich selbst beschlossen, einen Kompromiss einzugehen. Ich werde meine Afrika-Reise Ende April frühzeitig beenden, um etwas mehr Zeit mit meiner Freundin zu verbringen. Bis dahin werde ich wieder alleine an der Straße stehen. Eine Situation, an die ich mich wieder allmählich gewöhnen werden muss. Als ich nach unserer Tour durch die höchsten Sanddünen der Welt alleine auf einer Bank am Parkeingang sitze, bereite ich mich auf eine einsame Nacht im Zelt, irgendwo versteckt am Rande der Straße, vor. 5 Stunden später werde ich mich in der Wohnung eines Park-Rangers wiederfinden. Als ich auf dem Boden seiner kleinen Hütte langsam meine Augen schließe, denke ich an meine bisherige Reise zurück. Und mir wird bewusst, dass ich eigentlich nie alleine war.

Wir sind alle Teil
dieses Universums
Und das Leben,
ein ewiger Kreis