Driving home for Christmas

…Driving home for Christmas….

Es ist ein kalter, deutscher Nachmittag. Sowohl der Gedanke daran, meine Familie und Freunde bald wieder zu sehen, als auch die Sitzheizung, spenden mir Wärme. Die verlassene Autobahn ist von einer dünnen, weißen Schicht bedeckt. Als hätte mir jemand den roten Teppich ausrollen wollen, vor lauter Weihnachtsstress jedoch zur falschen Farbe gegriffen. Mich und mein Zuhause trennen nunmehr lediglich 30 Minuten. Der Song, für den sich der eingeschaltete Radiosender entscheidet, könnte es nicht treffender formulieren. “I’m driving home for Christmas”.

…Ohh I can’t wait to see those faces…

Okay..okay..okay.. Ich will euch in meinem vorerst letzten Beitrag nicht mit einem derart schrecklichem Ohrwurm zurücklassen. Dies meine lieben Leser, überlasse ich lieber gänzlich unseren Radiosendern. 

…And though I’m nobody’s poet, I thought it wasn’t half bad…

Das Wohn- und gleichzeitig Schlafzimmer wird von einem einsamen Kerzenlicht erhellt. Es ist der 1. Advent. Eine große Glasfront, die mich und den angebauten Balkon trennen, eröffnet mir einen atemberaubenden Blick auf die sich in der Dunkelheit andeutende, schemenhafte Spitze des Matterhorns

...Yes I like Pina Coladas, and getting caught in the rain…

Langsame, sich wiederholende Tanzschritte, die mich in meiner eigenen Welt wie einen professionellen Tänzer wirken lassen. Bewegungen, welche die Zeit für 4 Minuten still stehen lassen. Dopamin vergeuden. Nein, Dopamin nutzen

...I’m not much into health food, I am into champagne…

Champagner, in Zermatt.. ein leichtes Schmunzeln. ‘Für eine Flasche Champagner würde ich hier mehr bezahlen, als ich in den vergangenen 3 Monaten in Summe ausgegeben habe’, denke ich mir, führe die mit heißem Glühwein gefüllte Tasse in Richtung Lippen, gebe ihr einen innigen Kuss und genieße den Ausblick. Ich genieße die letzten Tage meiner 2ten Reise-Etappe. 

Ausblick Zermatt bei Nacht

Als ich ein paar Tage zuvor Corinas Wohnung in Zermatt erreiche, bietet sich mir ein ungewöhnlicher Anblick. Nicht wegen der 23 jährigen Österreicherin, die sich mit einer gewohnten Bewegung ihre braunen Locken hinter dem Kopf zusammen bindet, sondern wegen der umherstehenden Umzugskartons. Eine schlanke, fast schmächtige Statur lassen ihre Reisegeschichten umso beeindruckender wirken. Corina ist mir einem Motorrad durch Indien, Nepal und Vietnam gereist und nutzt den jetzigen Winter dafür, in Zermatt durch Gastronomie-Jobs ihre Reisekasse aufzufüllen. Umgeben von kahlen Wänden und leergeräumten Möbelstücken, sammeln wir, auf ihrem großen Doppelbett sitzend, die ersten Eindrücke. Die Geschichte von ‘Masturbations-Mann’ vermag es immer noch, neue und alte Bekanntschaften zum Lachen zu bringen. “Es ist Zeit, wir müssen los”, sagt die Österreicherin, greift sich den ersten Karton und beginnt gemeinsam mit mir damit, umzuziehen.

Beim ersten Betreten der neuen Wohnung muss ich zwangsläufig den Kopf schütteln. Ein derartiger Balkon-Ausblick würde mit Leichtigkeit Touristen dazu bringen, ein Vermögen zu bezahlen. Zumindest gehe ich davon aus, als mir beim Vorbeigehen ein 600 Euro Schal in einem der Schaufenster aufgefallen ist. Wir wollen die rustikal eingerichtete Wohnung mit einer Flasche Bier einweihen und erschrecken, als ich am frühen Morgen das Ziffernblatt meiner Armbanduhr in Richtung Gesicht richte. 7 Uhr. Zeit zu schlafen.

Zermatt Ausblick Balkon Couchsurfing

Ein Wärme spendendes Kaminfeuer. Kein echtes, sondern einer dieser modern anmutenden Bildschirm-Öfen. Ich breite meinen Laptop auf einem alten, haselnussbraunen Tisch aus und bekomme den teuersten Kaffee meiner bisherigen Reise serviert. Der Preis dafür, in Zermatt in einem Wifi Cafe an meinem Blog arbeiten zu können. Während ich für Kathy aus Zürich eine Couchsurfing Referenz schreibe, spricht mich ein junges, blondes Mädchen vom Nachbartisch an.

Das Leben ist ein auf und ab. Sollte diese Binsenweisheit wahr sein, bin ich momentan dabei, einen hohen Berg zu besteigen. Nicht den Matterhorn, eher den Kilimandscharo. Die vergangenen Wochen, gar Monate, lassen sich lediglich mit einem Superlativ beschreiben. “Entschuldigung, ich habe gerade gesehen, dass du auf Couchsurfing bist. Ich wohne hier und kann dir gerne einen Schlafplatz anbieten”, sagt Greta, das engelsblonde Mädchen aus Estland. Das unschuldige Funkeln in ihren blauen Augen lässt mich ihr Angebot als großzügige Geste, statt direktes Flirten kategorisieren. Ich werde es nie mit endgültiger Sicherheit sagen können.

Zermatt Ausblick auf Matterhorn

Ich wünsche dir eine schöne erste Adventswoche“, begrüßt mich ein junges Schulkind, als ich den Beginn eines Wanderweges suche. Es werden 2 Tage, in denen ich mich sportlich betätige. 2 Tagen, in denen ich die Berglandschaften, die den Matterhorn umgeben, erkunden werde. Eines hat sich im Vergleich zu Skandinavien nicht geändert. Ich bin weiterhin der Einzige, der mit Cordhose und Cowboy Stiefeln durch den Schnee stapft.

Zermatt Matterhorn Couchsurfing

Zermatt Matterhorn Couchsurfing

Matterhorn Zermatt

… I am into champagne…

sind die Worte, mit denen der Pina Colada Song langsam ausblendet. Ich verabschiede mich mit einer letzten Drehung und verbeuge mich vor meinem imaginären Publikum. Ein stiller Applaus. Ein wenig später kommt Corina von ihrer Spätschicht in einer Sportbar zurück. Es wird erneut bis in die frühen Morgenstunden dauern, bis wir schließlich im Bett enden. 2 Tage später werde ich zu einer ähnlichen Uhrzeit aufstehen, mich mit einem Gordon Ramsay Rührei auf einen anstrengenden Tag vorbereiten und Corina in Richtung Zürich verlassen. 

Ich verlasse Zermatt mit 2 lackierten Fußnägeln, ein kurzer, kreativer Schub meines Hosts. Da ich euch sowieso noch ein ‘hässliches Herz’ schulde, nutze ich diese Gelegenheit, beide Kunstwerke gemeinsam zu präsentieren. Achja..die Avocadodavon werde ich ein anderes Mal erzählen.

Fuß Tattoo Zermatt

Ich werde 2 Lift benötigen, um wieder in Zürich anzukommen. 2 LKW Fahrer. Beat, die Schweizer Form von Bert, berieselt mich während unserer 3 stündigen Fahrt durchgängig mit Tiroler Blasmusik und feinstem Schweitzerdeutsch. Mein zweiter Fahrer, ein junger, bärtiger, Tätowierter mit dem Namen Kai überlässt unser Schicksal dem Radio. “California..California..here we coooome”. Wir schwelgen beide in Mischa Barton Erinnerungen. 

In Zürich übernachte ich erneut 3 Mal bei Philipp. In dieser – oft fälschlich als Hauptstadt bezeichneten – Stadt werde ich mir an meinen letzten Tagen ein neues Handy besorgen, auf eine Weinprobe eingeladen und unzählige Partien Billard verlieren. Es ist Samstag als ich Philipp für meine Verhältnisse ‘früh‘ verlasse. Der letzte Tag dieser Etappe. Ich wurde spontan nach Kaiserslautern, meine ehemalige Universitätsstadt, eingeladen. Ein Weihnachtstunier eines Sports, in dem ich früher aktiv war. Headis. Quasi Tischtennis mit einem größeren Ball und man benutzt seinen Kopf als Schläger. 500 km. Eine realistische, wenn auch optimistische Distanz. Ich hoffe darauf, die Spitze des Berges noch nicht erreicht zu haben.

Trampen Zürich nach Deutschland

5 Lifts später stehe ich an einer Tankstelle in der Nähe von Mannheim. Mich trennen noch 100 km von meinem Tunier. Ein mageres Mädchen steigt aus ihrem grauen Kastenwagen aus und versucht, ihrer Müdigkeit mit Dehnübungen und einer Cola entgegenzuwirken. Als bärtiger, tätowierter Backpacker mit einer zerrissenen Hose rechnet man sich generell niedrige Chancen aus, wenn man im Schutze der Dunkelheit ein bildhübsches Mädchen, das zudem noch alleine unterwegs ist, nach einem Lift fragt.Selbstverständlich“, sagt die 23 jährige Laura, die momentan in Trier Sozialpädagogik studiert, jedoch gerne einmal als Wakeboard Lehrerin arbeiten würde. In Südamerika. Sie nimmt einen halbstündigen Umweg in Kauf und setzt mich direkt vor der Sporthalle ab. Ich verlasse Laura mit einer Umarmung und dem Gefühl, diesen letzten Lift eines Tages wieder in Südamerika treffen zu werden. Dank ihr und 5 weiteren, herzlichen Lifts betrete ich die Halle pünktlich zu den Halbfinalspielen. Eine gelungene Überraschung. 

Headis Kaiserslautern Weihnachtsköpperei

Seitdem ich vor knapp 3 Monaten meine Heimat erneut verlassen habe, diesmal in Richtung Skandinavien, habe ich ziemlich exakt 11.000 Kilometer per Anhalter zurückgelegt. Mehr, als auf meiner 6 monatigen 1sten Etappe. Eine 2te Etappe, auf der ich meinen Körper an seine Grenzen gebracht habe. Eine Etappe, auf der ich unglaublichen Menschen begegnet bin und unsere Natur in ihrer schönsten Form erleben durfte. Eine Etappe die mir erneut verdeutlicht hat, dass ich Anfang des Jahres die richtige Entscheidung getroffen habe.

Ich werde in den kommenden Tagen etwas Recherche betreiben müssen und werde mich dann mit einem abschließenden Fazit, plus meinen zukünftigen Plänen zurückmelden. Falls alles klappt, wird dies dann ungefähr so aussehen:

Ich werde im Januar von Südafrika nach Ägypten trampen.

Bis dahin wird mich ein Pappschild mit der Aufschrift Köln, das mittlerweile über meinem Bett hängt, an die letzten 3 Monate erinnern. Ein Schild, mit dem ich im September in Richtung Norden gestartet bin. Ein Schild, auf dem ich mehrmals geschlafen habe. Ein Schild, das mich 11.000 Kilometer weit begleitet hat. Ein Schild, das mir erneut verdeutlicht, dass Hindernisse nur existieren, wenn man sein Ziel aus den Augen verliert.

…I’m the love that you’ve looked for, come with me and escape..if you like Pina Colada…